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Veröffentlicht am 25 Oktober 2016 16:17 - Belletristik

Schreiben mit der nackten Faust

Das bescheidene Projekt Nietzsches, alle Werte umzuwerten, findet seinen Ausdruck in vielen Büchern seines Oeuvres, nur ist jener Ausdruck auch stets ein anderer; die „Götzendämmerung“ trägt beispielsweise den Untertitel: „Wie man mit dem Hammer philosophiert.“ – also kein vorsichtiges herumoperieren mit subtilen Andeutungen und hintergründigen Analogien. Wenn Nietzsche mit dem Hammer philosophiert, dann schreibt der Gegenwartsautor Jürgen Landt unter Verzicht auf Kulturinstrumente wie de Hammer, mit der nackten Faust, die er sich und dem Leser unermüdlich entgegenhält und sogar hin und wieder in einen geballten Schlag von ihr ausgehen lässt.
Schreiben mit der  nackten Faust

In dem neu erschienen Buch, das den Titel „alles ist noch zu begreifen“ trägt, sind Texte vereint, die man nicht unbedingt lesen sollte, wenn man nach kurzweiliger Zerstreuung oder nach Post-Sinnkrisen-Erbauung sucht, denn sie sind erbarmungslos, ehrlich und so eng an den Phänomenen des unmittelbaren Gegebenen orientiert, die wir oftmals mit unserer abgeklärten Weltsicht völlig übersehen, obschon sie sich doch fast in unser Wahrnehmungsfeld drängen. So bekommt die Lektüre (wenn man an einem Stück mehr als zwei oder drei Kurzgeschichten liest) einen Hang zum meditativen und der Abgrund, in dem man eben noch ganz voyeuristisch geschaut hat, offenbart sich plötzlich in einem selbst – ein Schwindelgefühl, als würde man mit leeren Magen ausgehungert masturbieren, oder wie es der französische Lyriker Baudelaire in seinem berühmten „Les fleurs du mal“ (zu deutsch: „Die Blumen des Bösen“)  beschreibt: „Du freier Mensch, der Meere liebt und preist! / Dein Spiegel sind sie, der die Seele zeigt, / Wo ohne Ende Brandung fällt und steigt; / Nicht minder bittrer Abgrund ist dein Geist.“ Nur neigt Landt, wie schon angeschnitten, nicht unbedingt zur lyrischen Verfremdung und Überhöhung, er legt vielmehr offen und stellenweise dann sogar in den Finger in jenes ‚Offen’, das auch eine fortwährende Wunde sein kann. In seinen Themen und der Radikalität der Sprache ist eine entfernte Verwandtschaft zum amerikanischen Charles Bukowski wahrnehmbar, wie auch schon der Verleger im Vorwort konstatiert und der Autor sicher selbst schon im Gespräch mit Lesern zu hören bekommen hat, nur bleibt es jedoch eine fern-assoziative Verbindung, denn Landt ist ungeheuer dichter dran an den reinen Tatsachen der äußeren Welt; aber die Beschreibung ihrer Verfasstheit hat keinen – wie man jetzt annehmen könnten – kühlen sachlich-analytischen Charakter, sie bleibt im literarischen Feld, weil sich der eigenwilligen Aneinanderfügung der Schilderungen keine Moralisierung oder anders geartete Schlussfolgerung anfügt; sie stehen für sich allein in all ihrer Traurigkeit, ihrem Humorgehalt, ihrer Schockierung oder nicht leicht zu fassenden Nachdenklichkeit.
Das Buch besteht aus zwei aufeinander bezogenen Hauptteilen (auch wenn sie bei der ersten Lektüre unabhängig voneinander zu stehen scheinen), welche mit Typearts, die Landt seit 1983 anfertigte, durchsetzt sind; beiden Teilen wurde ein Vorwort und das Gedicht „mit titel“ vorangestellt, das mit den großartigen Versen „alles war noch zu begreifen! / nur nicht: / warum menschen immer noch an hustenbonbons erstickten.“ endet. Der erste Teil, mit „am ende des seils“ überschrieben, enthält Kurzgeschichten, welche wiederum an den Bukowski-Protagonisten Chinaski (bei Landt: Sorgenich) erinnern, nur erstreckt sich hier kein weit angelegter Plot, der Autor bleibt viel eher in den für ihn typischen Momentaufnahmen mit der unverhüllten Härte, die auch sinnlich sein kann. Der zweite Teil „weils draußen schlimmer ist“ ist ein Sammelsurium von Kliniksaufenthaltschilderungen, die eben jene schon vorangegangene Härte besitzen, hier nur durch den bestimmten Ort (der auch erst allmählich ersichtlich wird) einen fixeren thematischen Rahmen bekommen, wiewohl die Form variabel bleibt; so werden einerseits auf über zwei Seiten in einem protokollarischen Stil der Tagesablauf anhand von den täglich konsumierten Lebens- und Arzneimitteln runtergebetet und auf der anderen Seite in kurzen prosaischen Sätzen wie „der mond kennt kein treviolor und die sonne kein pantoprazol, keine kippen und kein beck’s“ der Aufenthalt pointiert. Die schon erwähnten Typearts haben (ob absichtlich so angeordnet oder nicht, kann ich nicht beantworten) insbesondere im zweiten Teil die Form, als würde eine scheinbare Ordnung an einem augenscheinlich unbedeutenden Ort durchbrochen werden und damit die Strukturen ins Wanken kommen. Dieser Stil ist ebenfalls in den Texten angelegt. In der Kurzgeschichte „endspringer“ im ersten Teil streitet sich Pärchen und wirft sich herrlich-komplexe Wortkomposita gegenseitig an den Kopf, wobei eine eingerostete Beziehungsformation aus heiterem Himmel aus den Fugen gerät; hier eine kurze Auswahl der schön gearbeiteten und als Vorwurf formulierten Wortbildungen (außerhalb ihrer Kontexte, willkürlich rausgenommen): „dein jalousienhochundrunterrasseln“, „dein kindergebären und keinekindergebrauchenkönnen“, „dein staublappenwedeln und monatsbindenwechseln“, „dein scheidungsunterlagendurchblättern und alteehebrechertelefonanrufeabwürgen“, oder aus dem zweiten Teil (hier innerhalb des Kontextes, bewusst herausgenommen): „der mann wich vom fenster zurück. immer dieser drang zu springen und dann? eh nur eine leichensackverschmutzung. warum konnte man nicht gleich vom erdball springen? warum hielt die anziehungskraft fest, ließ einen menschen nur auf einem straßenpflaster platzen?“ oder selbst in den Überschriften: „poussadeabrisspotpourri vonnöten“ – welch ein Klang! Auch wenn es stark emphatisch anmutet, aber: Hat ein Autor nicht schon ein Literaturpreis verdient für eine kreative Wortaneinanderreihung wie „leichensackverschmutzung“, in dem sich eine dunkle Tragik mit einem kindischen Schmunzeln paart?
Jürgen Landts „alles war noch zu begreifen“ offenbart dem Rezipienten eine Welt, in der er sich längst befindet, aber vielleicht gar nicht so umfassend wahrnehmen will, da sie sie ihm in dieser hart-offenen Facette wenig balsamisch entgegenkommt. Doch der Protagonist Sorgenich hat auch für den aufmerksamen Leser zwischen den Zeilen einen etwaigen Trost: „kunst konnte einem doch tatsächlich weiterhelfen, auch wenn ich vorher nicht recht daran glaubte.“ In diesem Sinne auch ein großes Lob an den Umschlaggestalter Felix Chmura.

jürgen landt: alles ist noch zu begreifen
freiraum-verlag Greifswald 2012
120 Seiten; 14,8 x 21 cm;
13.95 Euro;
ISBN: 978-3-943672-01-5
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