Veröffentlicht am 15 Juni 2016 19:15 - Slider , Musik, Talkin My Blues

Ben Miller Band - Große Gedanken aus einer Kleinstadt in Missouri

Die für mich interessanteste Band der letzten 2 Jahre war die Ben Miller Band. Die drei Musiker sind ungewöhnlich, unkonventionell und unwahrscheinlich spannend. Wenn die Ben Miller Band also Vorband von ZZ TOP in nicht mal 3 Minuten das Publikum begeistert, obwohl die Herren den Eindruck erwecken, gerade vom Holzfällen aus Joplin/Missouri zu kommen, dann ist ein Interview Pflicht. Als die Ben Miller Band im Sommer 2015 zu einen Solokonzert nach München kam, haben wir sie ausführlich befragt.
Ben Miller Band - Große Gedanken aus einer Kleinstadt in Missouri

Bei einer Julitemperatur von über 30°C drehten sich die ersten Minuten erst mal um Radler, Russenmaß und Apfelschorle. Dabei erzählte mir Ben Miller, dass er in der Vergangenheit schon mal ein halbes Jahr in Marburg gelebt hat. Ganz ohne Arbeitserlaubnis hat er dann als Straßenmusiker gelebt und im Irish Pub von Marburg gespielt.

WP: Ihr seid für mich die große Überraschung als Supporting Act vom ZZ TOP beim Münchner Tollwoodkonzert gewesen. Wie seid Ihr an diesen Deal gekommen.

BM: Wir haben das gleiche Management. Es sind zwar verschiedene Manager, aber sie gehören zur gleichen Firma. Ich glaube, die Idee kam bei einem Bier auf.

WP: Das Publikum hat Euch vom ersten Akkord weg gemocht. Macht Ihr dieses Erfahrung immer mit ZZ TOP Fans?

BM: Die Leute reagieren in verschiedenen Ländern anders. Es gibt Länder, da dauert es ca. 3 Songs, bis wir gemeinsam warm werden. In Deutschland ist das anders. Da haben wir noch nicht mal gespielt und nur mal auf der Bühne umgeschaut und die Leute sind schon begeistert. Da wir sehr viel verschieden Sachen spielen, bleiben die Zuhörer aber immer am Ball, nur um zu sehen, was wir wohl als Nächsten machen.

WP: Macht Ihr wieder solche Shows mit ZZ TOP?

BM: Ja, wir machen eine Show in Balingen und Zürich

WP: Eure Webseite sagt nicht viel über die Bandmitglieder. Stellst Du uns Deine Band mal vor?

BM: Doug Dicharry ist der Multiinstrumentalist in der Band und er sagt Euch mal selber, was er so spielt

DD: Ich spiele Elektrolöffel, ein elektrisches Waschbrett und eine ganze Reihe von Effektgeräten, die ich im Laufe der Zeit zusammengestellt habe. Mein erstes Instrument war eine Posaune, für die ich auch Unterricht hatte. Schlagzeug spielen habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe dann noch weitere Blasinstrumente wie Trompeten und Tuba, im Rahmen des Schlagzeugern kam dann auch das Waschbrett und die Löffel dazu. Die Fans finden die Löffel super.

BM: Scott Leeper ist der Bassist der Band. Er ist der beste Waschzuberbassist überhaupt. Das ist ein einsaitiges Instrument und er ist auch Backgroundsänger. Er hat ein sehr feines Gehör für die Tonhöhen. Er ist der Ruhige der Band und redet nicht viel.

WP: Und wer ist Ben Miller?

BM: Ich spiele Banjo, Gitarre, Mundharmonika, Rhythmusinstrumente und immer mehr Cigar Box Guitars. Und ich spiele auch die Maultrommel. Die habe ich auch bei Seasick Steves „Summertime Boy“ gespielt.

WP: Du hast auch eine 7-saitige Gitarre.

BM: Richtig, ich habe da mal eine hohe siebte Saite hinzugefügt. Es ging dann kaputt mal und ich habe das wieder repariert. Ich habe damit experimentiert und ist ein Teil der Entwicklung, um zu sehen, was gut klingt. Es hörte sich gut an und ich nutze es weiterhin

WP: Lass uns mal über das Album „Any Way, Shape or Form“ reden. Für was steht der Titel?

BM: Es ist die Philosophie, wie wir Musik machen. Wir folgen keinem Genre und wir nutzen jegliche Methode, unser Musik zu machen. Wir sind keine Puristen, die traditionelle Musik machen, sondern nehmen, was wir haben, egal in welcher Form das es kommt.

WP: Welchen Einfluss hatte Vance Powell als Produzent?

BM: Er arbeitete viel mit Jack White and den Artic Monkeys, Er hat Tonnen von Material produziert und er kommt aus unserer Heimat Joplin. Wir kannten seinen Bruder und als 2011 Joplin von einem Tornado getroffen wurde, wollten wir etwas für die Gemeinde tun. Also haben wir Vance angerufen, ob er uns mit Studiozeit und coolen Begleitmusikern helfen kann. Dann haben wir eine Vinylplatte gemacht und wir konnten 8000Dollar aus den Erlösen spenden.

WP: Habt Ihr eine soziale Ader?

BM: Ja, gerade wenn es den Leuten nicht gut geht. Ich bin vor 10 Jahren dort hingezogen und die Leute dort haben es mir ermöglicht, da zu wohnen und Musik zu machen.

DD: Wir machen da zweimal im Jahr ein Benefizkonzert. Wir machen das für Hilfsprogramme in Joplin. Wann immer man dort einen Menschen verliert und keine Wohlfahrt das ist, um z.B. teure Beerdigungskosten zu bezahlen, machen wir eine Show und spenden die ganze Summe. Ich bin da aufgewachsen und wir kümmern uns. Meine Freunde wohnen da und ich bin da aufgewachsen. Es ist einfach und wenn wir ganz einfach mit unserer Musik helfen können, tun nun wir das. Es ist so einfach.

WP: Ihr habt für das letzte Album auch Chad “Gravy” Graves angeheuert. Wolltet Ihr von ihm einen speziellen Countrysound?

BM: Er ist ein Hillbilly aus Springfield/Missouri. Wir haben oft mit einander gejammt. Er ist ein sehr spezieller und toller Gitarrist. Wir hatten kein besonders definiertes Ziel, sondern wollten nur miteinander Spaß haben.

WP: Sind Eure Texte mehr zufällig oder gibt es da persönliche Geschichten dahinter?

BM: Manchmal ja, bzw. alles was man so macht ist persönlich. Selbst wenn es einem nicht selbst widerfahren ist, erzählt es etwas über den Autor. Ich habe den Song „King Kong“ geschrieben und es geht aber natürlich über uns.

WP: Wer ist der „Outsider“ und warum ist er ein „Outsider“?

BM: Jeder ist ein Outsider. Zu bestimmten Perioden im Leben ist man mal der Außenseiter. Für mich ist es unheimlich, ein Insider zu sein. Viele Menschen möchten eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, aber das hat was von Besitzergreifung der Gruppe an einen selbst. Man wird in der Gruppe mit dem, was die Gruppe denkt, gefiltert. Als Außenseiter kann man objektiver sein.

WP: Hast Du je das „prettiest Girl“ getroffen?

BM: Es ist weniger das eine Mädchen als ein Typ von Mädchen. Das ganze klingt härter als es gedacht war. Eigentlich wollte ich Sympathie für diesen Menschen erzeugen. Schönheit ist eine vorübergehende Eigenschaft und manche Menschen versuchen ein Leben lang, diesen vergänglichen Dingen nachzulaufen und wenn das Leben zu Ende geht, stehen sie mit nichts da. Es wäre schöner, wenn sie etwas Bleibendes und Stabiles geschaffen hätten oder einfach so viel Spaß wie möglich haben. Aber sie sind so in ihrem Denken über sich selbst und über ihre Position gefangen. Ich habe den Song geschrieben, als wir ins Musikgeschäft eingestiegen sind. Man hat uns hofiert, zum Essen eingeladen und wir fühlten uns manchmal wie das schönste Mädchen beim Tanz. Dass war die ursprüngliche Thema dahinter. Es geht nicht immer so weiter und man muss sich erden. Man muss sich fragen, ob hinter Schönheit oder Macht ein persönlicher Wert steckt, vor allem wenn Schönheit, Talent und Macht oder Stil verschwinden. Ist unsere Identität mit unserem Handeln verbunden? Was passiert, wenn Du einen Schlaganfall hast und das alles nicht mehr fortführen kannst. Mein Vater war Busfahrer und hatte einen Schlaganfall und konnte nicht mehr fahren. Er war immer noch mein Vater aber seine Identität hat sich geändert. Er hatte sich körperlich und mental erholt aber seine Identität, verbunden mit seinem früheren Leben, hat sich geändert. Das ist erschreckend und ich weiß nicht, ob man das verhindern kann.

WP: Der Song „Skidoo“ ist mehr Jazz als Blues oder Country. Wie hast Du den Song „Skidoo“ geschrieben.

BM: Als Erstes kam der Refrain „What ever happened with all that people“. Ich bin rumgefahren und habe das so gesungen. Das ist wie im Café sitzen und den Fremden, die vorbei gehen, bei Ihrem Leben oder Universum zuzuschauen. Jeder der da vorbeifährt, hat sein Leben: Entweder sie sind glücklich oder depressiv oder sie haben Ihre Kinder dabei. Jede hat sein Universum oder seine Lebensgeschichte. Der Song soll das Gefühl beschreiben, welche Massivität das Leben darstellt. Jeder Mensch ist ein Universum in sich.

WP: Was heißt „23 Skidoo“?

BM: Ich weiß nicht genau. Das ist eine Redensweise aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg und bedeutet so was wie „ Lass uns hier abhauen“.

WP: Eure Instrumente erscheinen sehr exotisch und selbstgemacht. Woher kommt das?

BM: Im Vordergrund stand erst mal die Notwendigkeit. Wir hatten nicht da Geld, teure Gitarren oder schönes Equipment zu kaufen. Also haben wir das so angenommen, dass wir das genommen haben, was uns die Leute gegeben haben. Wir haben defekte Instrumente genommen und solange damit rumgemacht, bis sie funktionierten. Dadurch haben wir einen eigenwilligen Sound während manche Musiker dem perfekten Instrumentenklang oder Bandsound nachlaufen. Für mich ist das anders. Alles ist in scih perfekt. Es gibt nicht die perfekte Speise. Einmal mag ich Hamburger, ein anderes Mal ist es genau Salat, was ich brauche. Auf immer was ich in dem Moment Hunger habe, hole ich mir nach Hause. Und so ist es auch mit der Musik.
WP: Benutzt Ihr das Equipment auch im Studio oder benutzt Ihr da eher Studioequipment?
BM: Im Studio hatten wir eine große Auswahl an Instrumenten und wir experimentierten viel herum.

WP: Aber der Bassspieler spielt immer den Waschzuberbass und nie einen E-Bass?

BM: Ja, immer den akustischen Waschzuberbass und niemals einen E-Bass!

WP: Erzähle uns doch mal was über Joplin/Missouri.

BM: Wir lieben Joplin. Wie ich Dir vorhin gesagt habe ist das die kleine Stadt, die es uns ermöglicht, ein schönes Leben zu leben. Ich kenne viele Menschen dort. Es ist eine kleine verschlafene Stadt mit guten Menschen. Wir haben ca. 40-60.000 Einwohner auf dem Land. Es ist eine ehemalige Grubenstadt mit wunderbaren Hügellandschaften herum. Ich liebe es, wenn Menschen ihre Herkunft zeigen und ausleben. Die Menschen auf Louisiana oder New Orleans gehören da dazu. New Orleans hat einen Geschmack, den man verbindet das mit Hummer, Weintrauben oder mit dem Erbe der französischen Kreolen. Unsere Gegend reflektiert die Straßenkreuzung, auf denen die Menschen vom Mississippi im Süden wegen dem Blues nach Chicago gewandert sind. Wir gehören zu der Art von Menschen in der Tradition, die Musik mit dem zu machen, was sie haben.

WP: In welchen Eurer Song sehen wir Joplin?

BM: Mal sehen - Ein bisschen in „26 Skidoo“, ein bisschen in „King Kong“, wo man uns auf unserer natürlichen Umgebung entführt und in eine uns ungekannte Welt gesteckt hat. In Joplin sind wir eine bekannte Größe. Die Menschen verstehen intuitiv, wo unsere Wurzeln stecken. Wir wurden da aus diesem Kontext entführt und das ist etwas schockierend und es kann verwirrend sein, was da so passieren kann.

WP: Ihr reist viel. Wir haben Eure geposteten Bilder von Berlin und Straubing gesehen. Seit Ihr gerne in fremden Ländern unterwegs und könnt Ihr da was für Euch persönlich entdecken?

BM: Ja, ich bzw. wir reisen gerne. Bevor ich nach Joplin kam, war ich viele Jahre unterwegs. Ich habe ja schon erzählt, dass ich auch in Marburg war. Ich habe Seattle/Philadelphia gesehen. Aber Joplin war dann doch der Ort, wo ich am Längsten geblieben bin, nachdem ich von zu Hause wegging. Herüber zu kommen und zu sehen, wie die Leute hier leben erweitern unseren Horizont und bereichert unser Leben - mehr als wenn man isoliert an einem Ort lebt. Wir sehen Menschen mit anderen Traditionen und man kann verstehen, dass trotz verschiedenen Verhalten die Menschen gleich sind. Egal wo man hingeht gibt es gute und schlechte Menschen.

WP: Mochtet Ihr das White Trash in Berlin?
BM: Ja, das war wirklich cool!

WP: Könnt Ihr Euch bei Euren Reisen ein wenig über die verschiedenen Probleme in den Ländern informieren, wie z.B. die Wirtschaftsprobleme in Griechenland oder den IS im Nahen Osten?
BM: Fucking Shit- Ich hasse das, aber was soll man sagen?

WP: Sind diese Probleme in den USA weitgehend bekannt?
BM: Manche Leute sehen Nachrichten, andere nicht. Es kommt darauf an, welche Quellen man benutzt. Ich versuche, möglichst vielen verschiedenen Quellen zuzuhören. Ich zweifle z.B. an den Fox-News oder rechtsgerichteten Quellen, weil sie mich und meine Schlussfolgerungen provozieren. Aber jetzt haben wir das Internet und da geht es zu wie in einem Echoraum. Du hörst Menschen zu, die das bestätigen, was Du Dir bereits denkst. Man ist schnell wieder ein Insider und ein Outsider kann da wieder besser von allen Seiten von außen zuhören. Sei kein Insider innerhalb einer Gruppe, sonst bist Du wieder ein Teil des Spiels.

WP: Hast Du direkten Kontakt zu Deinen Fans?
BM: Ja, klar versuche ich das.
WP: Kommst Du an den Merchandisestand?
BM: Klar machen wir das.

WP: Zum Schluss ein kleines Spiel. Ich gebe Dir die Titel Deiner letzten CD und Du antwortest mit einem kurzen Statement:

• You Don’t Know: Iggy Pop sagt, ein Künstler muss sagen, wie er sich fühlt

• Ghosts: Es ist erschreckender, wenn es keine Geister gibt

• Hurry Up And Wait: Beim Leben auf der Straße musst Du die Gänge schneller schalten.

• I Feel For You: Mitfühlen

• Burning Building: Ein Kinderlied für Erwachsene über ein brennendes Drogenlabor

• The Cuckoo: Volkslied gesehen durch unser modern Brille

• Twinkle Toes: Ich möchte nie im Gefängnis landen. Es gibt so viele harmlose Menschen in Gefängnissen, die wegen Geringfügigkeiten eingelocht werden. Die wollten ein wenig Spaß und da gibt es bessere Plätze, um sie wieder auf die Spur zu bringen.

• Life On Wheels: Das ist ein sehr realistisch Bild, wenn man mit dem Van unterwegs ist

• No War: Nicht sehr erfolgreiche Analyse, warum es Konflikte gibt.

• King Kong: Was passiert, wenn man aus seiner gewohnten Umgebung herausgenommen wird und die resultierenden Verwirrungen.

WP. Verkauft Ihr mehr CDs oder Downloads?

BM: Unser Hauptgeschäft beruht auf CD-Verkauf. Das hat aber mehr mit der demographischen Verteilung unseres Publikums zu tun. Die Leute haben nach unseren Shows immer das große Bedürfnis, etwas mit nach Hause zu nehmen und so verkaufen wir CDs. Ich befürchte aber, dass wir immer mehr dahin kommen, dass es kein physikalisches Produkt außer Vinyl mehr gibt. Ich liebe Schallplatten. Ich kann es nicht genau erklären, aber da gibt es etwas taktil fühlbares, was für mich irgendwie die Musik ausmacht. Das löst Dopamin aus und das ist mein Job.

Die Ben Miller Band geht dieses Jahr zwei Mal auf Europatour. In Sommer sind sie zusammen mit ZZ Top unterwegs während sie im Herbst alleine auf Clubtour sind.
 


05.07.2016

Munich, Germany

Tollwood Festival mit ZZ Top

07.07.2016

Wien, Austria

Arena Open Air  mit ZZ Top

08.07.2016

Nuremburg, Germany

Nuremburg Arena  mit ZZ Top

09.07.2016

Dresden, Germany

Elbufer  mit ZZ Top

11.07.2016

Cologne, Germany

Tanzbrunnen  mit ZZ Top

12.07.2016

Hamburg, Germany

Stadtpark  mit ZZ Top

07.09.2016

Unna, Germany

Lindenbrauerei

08.09.2016

Lübeck, Germany

Rider's Cafe

09.09.2016

Isernhagen, Germany

Blues Garage

10.09.2016

Groningen, Netherlands

Take Root

11.09.2016

Dusseldorf, Germany

Pitcher

13.09.2016

Aschaffenburg, Germany

Colos-Saal

14.09.2016

München, Germany

Backstage Club

15.09.2016

Stuttgart, Germany

clubCANN

 

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