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Veröffentlicht am 05 November 2013 15:51 - Feuilleton, Sprachraum

ohne fangschuß anbei

UNTERM SAFT GEHT'S WEITER / 10

ohne fangschuß anbei
ich hockte herum. zu nichts in der lage. über stunden bewegungslos. in einem gefühl, als kauerte ich eingefroren in einem karton, den die sinnlosigkeit um mich gefaltet hatte. diese unsichtbare, mich einhüllende pappe war einfach nicht zu zerschlagen. meine ohnmachtsgefühle prallten ab, beulten mich auf’s neue ein, um ausgebeult denselben kleinen lauf zu starten, mich hilflos warten zu lassen. mir war eisig. eisige hände und füße, doch ich schwitzte und spürte mein schlagendes herz. hin und wieder schaffte ich es, zwang mich ein stück trockenes brot zu schlucken und spülte mit leitungswasser nach. keine langeweile, nichts, nur warten.
ich kannte diese zustände, doch mit zunehmendem alter, schlich sich die gewißheit ein, daß sie sich immer schlechter und seltener auflösen ließen. und wer behauptete, im alter allen inneren schwachheiten gelassener und weniger qualvoll begegnen zu können, sie gar in weisheiten und in ein gelassenes verstehen ummünzen zu können, war entweder ein gottverdammter lügner oder ein bekloppter irrläufer, vielleicht auch bloß ein arroganter mitmenschentäuscher, ein meisterlicher ignorant. oder er war schlichtweg anders, spürte die ganze sichtbare und unsichtbare scheiße nicht, sah sie anders oder fühlte sich in ihr wohl.
ich war so kaputt, daß ich innerhalb meiner zustände nicht einmal mehr in den schlaf kam. zu hinüber, um einschlafen zu können, egal wie lange ich in meiner kaputten bereitschaft hockte. und wenn ich doch einmal für einen augenblick wegsackte, durchzog ein kurzer kräftiger und schmerzhafter schlag mein gehirn und ließ mich aufbrüllen, oder es hockte sich blitzschnell ein alptraum auf den anderen, und obwohl nach einem blick auf den wecker nur minuten vergangen waren, kam es mir vor, als wären die alpträume über stunden gelaufen, so daß ich sofort zwischen meiner atemnot in jenen panischen horrormomenten, nur noch hilflos und ohnmachstvoll den herausgestoßenen angstschweiß zitternd in einen klebrigen zustand wachsen lassen konnte.
doch das schlimmste war, daß in diesen quälenden phasen noch eine zerhämmerte geilheit durchdrang. vielleicht gerade grunddessen? spielte der kosmos falsch? wie war es möglich, daß, wenn man sich in einer unsinnigen bewegung sinnlos drehte, einem diese sinnlosigkeit an den schwanz greifen ließ? wer oder was war bekloppter, der mensch für sich, oder dieses zusätzlich zu seinem eigenen wesen unsagbar unbekannte, das ihn schon während seiner atemzüge in eine lebendige zerbröselung trieb? oder beides? war wieder einmal alles und nichts nicht voneinander zu trennen?
na ja, wenigstens trennten sich menschen noch, aber meistens zum falschen zeitpunkt. immer ging es gerade dem besser, der sich vom zurückgebliebenen trennte. meistens jedenfalls.
also hockte ich rum und wurde nicht herr meiner lage. hing wie an einem überdimensionalen fliegenfänger. selbst meine beine waren schwer, als steckten sie zusätzlich einzementiert in irgendwelchen blöcken. ich brauchte mich bloß noch unter den tisch zu schubsen und würde abgedeckt für den rest meiner zeit mit flackernden augen unter ihm liegenbleiben. doch ich schaffte es nicht einmal, mich unter den tisch fallen zu lassen, der fänger ließ mich einfach nicht los.
nach ein paar stunden fiel mein blick auf den greifswalder blitz ein unentgeltliches anzeigenblatt, welches sie einem ungewollt ins haus warfen.
DIE GROSSE LEHRSTELLEN-OFFENSIVE
prangte als schlagzeile. nichts mehr für mich. und doch ließ der fänger es plötzlich zu, blätterte mich durch den blitz und ließ mich erneut kleben:
Kein Bock auf Schule! 18 J., rasiert und immer geil, HGW, und dann kam die rufnummer der rasierten schülerin.
Willst du auf meine großen Titten spritzen? Süße Sie, 23J, wartet auf dich.
„auch aus greifswald.“ atmete ich aus.
Teeny, 21J., ganz zierlich mit dicken Titten reitet wie der Teufel. HGW 0174-7592334
„die ruf ich an.“ murmelte ich meinen klebrigen leim auf den fänger.
20J, Hammer Figur, total versaut, macht alles was du willst. HGW…
und obwohl sich ein schwammiges verbranntes kribbeln durch meinen blinden unterleib schlich, galoppierte die vergangenheit durch meine gefäßtaschen, suggerierte mir der klebrige menschenfänger: „das sind keine trennschleifer, um von ‚nem menschenfänger loszukommen. ohr weg von der muschel im kosmischen falschspiel!“
und dann fiel ich in klebrigen fäden auf eine weitere nummer: 0172-5742305 Wir suchen geile kerle für private Sexabenteuer! (nur privat und ohne Finazinteressen)! Ruf uns diskret auf Handy an!
ich wählte durch und eine weibliche stimme säuselte mich an: „hallo?“
„hallo, ich meld mich auf die anzeige.“
„rufst du das erstemal hier heute an?“
„ja.“
„das ist schön, du suchst ein sexabenteuer?“
„ja.“
„verrätst du mir auch deinen vornamen?“
„peter.“
„und wo wohnst du, peter?“
„in greifswald.“
„was hättest du denn gerne, frauen, männer, paare?“
„frauen“
„und wie alt sollten die frauen für dich sein?“
„na so zwischen 40 und 50.“
„und wie alt bist du?“
„50.“
„welche figur sollten die frauen haben? schlank, weiblich, vollschlank.“
„weiblich.“
„hast du sexuelle vorlieben?“
„nö.“
„gar keine?“
„ist mir alles egal, was die machen.“
„bist du gebunden oder ungebunden?“
„ungebunden.“
„sollten die frauen gebunden oder ungebunden sein?“
„ungebunden.“
„magst du französisch beidseitig?“
„einseitig.“
„und anal?“
„nicht unbedingt, aber wenns unbedingt sein muß.“
„stehst du auf dildospiele?“
„manchmal.“
„s/m“
„ja, könn wir auch machen.“
„oh, da hab ich auch gleich was für dich.“
ich sagte nichts.
„hörst du, peter, da hab ich schon was für dich gefunden.“
ich sagte immer noch nichts.
„bist du noch da, peter?“
„ja.“
„also, ich hab da die iris aus greifswald für dich. sie ist ungebunden und dauergeil. die iris könntest du sogar heute noch treffen. iris hat eine schöne weibliche figur, hat lange blonde haare, einen üppigen busen, steht auf französisch einseitig und auch manchmal auf analverkehr. die iris liebt dildospiele und leichte s/m praktiken. iris würde sogar ihre freundin mitbringen, wenn du möchstest. möchtest du das?“
„ja.“
„dann habe ich noch die marlies. marlies ist naturgeil, hat halblange schwarze haare, einen schmollmund und einen sehr üppigen busen und knackigen po. marlies schluckt gerne und trägt auf grund ihrer s/m neigung schweren intimschmuck. wenn marlies richtig in fahrt ist, liebt sie auch kräftigen analverkehr in ihrem strammen po. dann wäre da noch die bettina aus greifswald. bettina hat eine sehr weibliche figur…“
ihr säuseln nervte mich. es klang wie das säuseln der ewig lächelnden moderatorin im n3-nordmagazin um halbacht.
„das reicht schon, danke. mehr kann ich mir jetzt gar nicht merken.“ unterbrach ich die frau.
„peter, laß mich dir das mal alles noch erklären. also, auch die bettina könntest du heute noch treffen. wie schon erwähnt, sind das alles rein private treffen mit sehr geilen frauen…“
„und wie komm ich dann an die frauen?“
„peter, das will ich dir doch gerade alles erklären, da mußt du schon noch ein bißchen zuhören, mein lieber. ich gebe dir jetzt eine geheimnummer, hast du was zu schreiben da?“
ich schaute besorgt auf die neben mir liegende kontaktanzeige und suchte nochmal die rufnummer. gottseidank, es schien keine überseenummer zu sein.
„ja, hab ich ich.“
„deine persönliche geheimnummer ist ganz einfach. 9999.“
„ist gut, hab ich. und wie komm ich nun an die frauen?“
„peter, kannst du mir mal zuhören! da mußt du dich schon mal einen moment gedulden. ich bin doch dabei, dir gerade alles zu erklären! diese frauen haben absolut kein interesse an finaziellen mitteln. das sind alles naturgeile frauen, für die einzig und allein das sexuelle interesse im vordergrund steht. nur wir müßten gemäß der gebührenordnung zwei monate einmalig einhundert Euro bekommen.“
„is gut.“ antwortete ich, „und wie komm ich dann an die frauen?“
„peter…“, hörte ich sie bedrohlich säuseln.
„is gut.“ fiel ich ihr schnell in meinen vornamen.
„also, du müßtest dann zwei monate einmalig einhundert Euro an uns zahlen. das könntest du per internet, überweisung oder direkter bankeinzahlung machen, wie möchtest du das machen?“
„per überweisung.“
„gut, dann schreibe dir folgende kontonummer auf.“
sie gab mir die kontonummer, bankleitzahl, den namen der sparkasse durch, und als verwendungszweck sollte ich meinen vornamen und meine persönliche geheimzahl, die 9999, auf’s einzahlungsformular kritzeln.
„und wenn du das morgen früh eingezahlt hast, rufst du mich am nachmittag wieder an, und sofern die einzahlung schon bei uns eigegangen ist, was oftmals am selben tag noch erfolgt, bekommst du die telefonnummern der von dir gewünschten frauen.“
„is gut, ich zahl das aber heute noch ein. die post hat ja bis achtzehn uhr auf.“
„das ist schön, peter. dann kannst du dich morgen schon mit den frauen treffen.“
„ja.“ sagte ich.
„peter, mein lieber, dann bis morgen.“
„ja, bis morgen.“
„peter, ich wünsche dir noch einen schönen tag.“
„danke.“
„tschüß, bis morgen, peter.“
kam ich jetzt unter meinen tisch? jedenfalls drückte ich erstmal erschöpft und verschwitzt das telefon aus. mir war schwindelig. und ich konnte mich kaum noch an ihre angebote erinnern. regina mochte es ein bißchen anal, wenn sie gut drauf war, oder ihrem höhepunkt zustrebte, und brigitte könnte ich sogar heute noch treffen, wenn alles gut laufen würde, ihren schmollmund füllen, weil sie es gerne mochte. und was wollte britta, was würde britta mit mir tun?
ich atmete tief durch, griff mir den durch angetrockneten händeschweiß klebrig gewordenen telefonhörer und rief dieselbe nummer nochmal an.
besetzt.
ich drückte immer mal wieder die wahlwiederholung, und irgendwann hörte ich ein freies tuten.
„hallo?“ säuselte es mir entgegen.
„guten tag, ich habe ihre anzeige gelesen und wollte mal wissen, wie das so ist, wie sich das so verhält.“
„rufst du das erstemal hier an?“
„ja.“
„das ist schön, und du suchst ein sexabenteuer?“
„ja.“
„verrätst du mir auch deinen vornamen?“
„gerald.“
„und wo wohnst du, gerald?“
„in demmin.“
„was für ein abenteuer hättest du denn gerne? mit frauen, mit männern oder mit paaren?“
„frauen.“
„und wie alt sollten die frauen für dich sein, gerald?“
„zwischen 20 und 30 wär mir am liebsten.“
„und wie alt bist du, gerald?“
„ich bin 35.“
„welche figur sollten die frauen haben? schlank, weiblich oder vollschlank.“
„weiblich.“
„bist du gebunden oder ungebunden?“
„gebunden.“
„sollten die frauen gebunden oder ungebunden sein?“
„das ist mir total egal.“
mir rutschte der nasse telefonhörer aus der hand und landete auf den boden. ich überlegte, ob ich ihn wieder aufheben sollte, bückte mich nach einer weile, wischte das ding am t-shirt ab und hielt schwitzend den hörer ans ohr.
„…hallo, gerald, bist du noch da?“
ich sagte nichts.
„gerald, hallo! hallo? gerald?“
„ja.“ antwortete ich.
„gerald? was war das? das hat aufeinmal so geknallt und dann warst du eine ganze weile weg.“
„mir ist der hörer unter den tisch gefallen.“
„das ist ja komisch. also, gerald, sollen die frauen gebunden oder ungebunden sein?“
„das hab ich doch schon gesagt, das ist mir doch total egal.“
„gerald, mein lieber, magst du französisch beideseitig?“
„allseitig.“
„magst du analverkehr mit den frauen machen?“
„ja, viel lieber, als immer in diese weiten, ausgeleierten mösen saften.“
„ach so, deshalb möchtest du ja auch lieber etwas jüngere frauen. möchtest du vielleicht gerade erst achtzehn gewordene mädchen in demmin zu sexabenteuern kennenlernen?“
„ja, das wäre mir noch lieber.“
„stehst du auch auf dildospiele?“
„nö, wenn die noch nicht so ausgeleiert sind, dann brauchen die keinen dildo mitbringen.“
„s/m spiele?“
„ne, mit den jungen nicht.“
„gerald, da hab ich auch gleich was für dich.“
„ja? das ist ja gut.“
„ich könnte da der iris aus demmin bescheid sagen. iris ist vor vierzehn tagen achtzehn geworden und kinderlos. und iris ist dauergeil. iris könntest du sogar heute noch treffen. iris ist schön weiblich gebaut, hat einen sehr großen busen und liebt französisch beidseitig. iris würde sogar noch ihre 19jährige freundin mitbringen, wenn du möchtest. ihre freundin steht auch auf französisch beidseitig und schluckt gerne. möchtest du, daß iris ihre freundin mitbringt?“
„ne, nur die iris. mit beiden, das wird mir zuviel, glaub ich.“
„dann habe ich hier noch die marlies, für dich. marlies ist naturgeil und anfang des jahres achtzehn geworden. marlies ist ebenfalls kinderlos und mag ausschließlich nur den vaginalverkehr in ihrer engen muschi, aber auch französisch beidseitig. die bettina aus demmin könntest du auch heute noch treffen. bettina ist achtzehneinhalb und sehr weiblich. bettina hat einen knackigen po und mag es in ihrer engen muschi am liebsten von hinten…“
„maulfotze!“ schrie ich plötzlich in den hörer.
„ja, auch bettina liebt französisch über alles, und selbstverständlich mit vollständiger samenaufnahme.“
„du bist eine maulfotze!“ schrie ich sie an.
„gerald, mein lieber, aber ich muß dir doch noch erklären, wie du die frauen…“
„maulfotze! du bist ne richtig abgefuckte maulfotze!“
„aber gerald, meinst du nicht, ich sollte dir…“
ich schmiß den telefonhörer unter den tisch, hörte dennoch die weiterredende stimme der frau, wischte meine nassen hände an den hosenbeinen ab und griff mir das anzeigenblatt:
Junges Girl, 22 J. ist total geil!
Einfach treffen und austoben!
Verschwiegene Affäre! Lehrerin, 27, sucht Sexpartner. Kein Beziehungswunsch, absolut diskret!
Jasmin, 24 J.: Bin dauernd auf der Autobahn unterwegs und will es ständig von hinten!
Alles kann, nichts muss.
Belausche 21-j. Girl auf der Toilette beim Stöhnen!
Drücke die 3 am Tel. für ein anderes Girl!
0190 – 969.961
Hildegard (62), tabulose Rentnerin!
ganz privat – Keine teure 0190!
01377-373015
ich wiederholte nochmal die letzte nummer: „01337 373015, lächerlich, die hat ne vorwahl, die mindestens genauso teuer ist wie die 0190, wenn nicht noch teurer!“
ich schlug die seite um, überflog die privaten kontakte: Witwe, 62 1,74 mollig m.l.n. sichtb. Beh. s. Lebensp. treu zuverl. ehrl. zärtl. liebev. naturl. verstv. häusl. k. alk. ab 60 1,78 n. m. Auto u. Rauch. 039998-3…, schnappte mir das inzwischen stillgewordene telefon, drückte es aus und wählte die nummer.
„hallo!“ meldete sich eine barsche krächzende stimme.
„ich melde mich auf ihre anzeige.“ antwortete ich, wischte mir die freie hand am hosenbein, hustete, hörte ein: „ach ja?“, sagte: „ja.“ steckte mir eine zigarette an und blies geräuschvoll den rauch von mir.
„und nun? was wollen sie?“ krächzte es mir ins ohr.
„blasen sie auch?“, fragte ich, und bekam keine antwort, wartete, zog an meiner zigarette und fragte noch einmal: „ich hab gefragt, ob sie blasen, ich rufe wegen ihrer anzeige an!“
„so eine bin ich nicht!“, und dann knackte es mir ins ohr.
ich drückte den kippen und das telefon aus, las:
Sie sucht Aldi-Begegnung (NB-Ost)
Kennwort „Rasendünger“, habe leider Tel.-Nr. verlegt. Bitte melden unter: 0395-5…,
wählte durch, hörte: „hallo?“
„hallo, hier ist der rasendünger!“
„rasendünger? du? ich hab gewußt, daß du dich bei mir meldest…“

 

 

- Autor -

Jürgen Landt

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