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Veröffentlicht am 07 Juni 2013 12:47 - Blogs, Sprachraum

tumbtumbatulipanisch

SORGENICHs MITTWOCHs-REVUE 4

tumbtumbatulipanisch
der mann traute seinen augen nicht.
seine frau brachte blumen mit nach hause.
„wo hast du die denn her? hattest du auf der arbeit eine feier oder wieder betriebsratssitzung oder wo sind die her?“
„nein, die hab ich für uns gekauft.“
das hatte sie in all den jahren noch nie getan, und der mann hatte es sich nie getraut, denn stets hatte er von

 

seiner frau gehört: „schlepp’ bloß keine blumen hier an, ich find’ das furchtbar, so lebensabgeschnittene blumen ins zimmer zu stellen.“ und selbst die blumen, welche sie zum geburtstag im betrieb bekam, ließ sie häufig dort oder reichte sie an andere menschen weiter.
schön sahen die tulpen aus, knallrot und frisch, so farbe ins zimmer bringend, und von draußen leuchtete der schnee in seinem profan erstarrten, schon ewig und anhaltend weiß.
der mann hörte wie hinter einer mauer aus brüchigem beton die stimme einer therapeutin: „bringen sie ihrer frau doch mal ein paar schöne blumen mit.“, und seine antwort: „meine frau will so was nicht, das findet sie furchtbar.“ „verstehe ich nicht.“, hatte seine therapeutin damals gesagt, „ich freu mich jedesmal, wenn mein freund mir blumen mitbringt.“ „ja, aber meine frau die will das nicht, damit mach’ ich alles schlimmer, mit so was würde ich ihr schlechte laune machen, das trau’ ich mich nicht.“
und nun? nun brachte sie plötzlich selber einen strauß blumen mit und stellte ihn ins zimmer, hinter den laptop, damit der mann ihn auch beim arbeiten vor augen hatte. hatte die therapeutin seiner frau nicht neue therapiestunden für sie beantragt? sie war schon lange nicht mehr dort gewesen, sie kam von ganz woanders her. hatte sie einen verehrer? hatte sie die dinger wirklich selber gekauft? merkwürdig. aber doch irgendwie schön.
„wenn die sich öffnen, schau ich mir die dinger mal von innen an, mal sehen, was da so drin ist, was die mir zeigen wollen.“
„was soll denn da drin sein?“, hörte der mann seine frau.
„weiß auch nicht, bestimmt irgendwas sexuelles.“, antwortete der mann
„du nun wieder.“, lachte seine frau.
„na, was denn sonst. dreht sich doch alles nur darum, ob bei tieren, beim menschen, oder bei den pflanzen und sträuchern oder bei ganz anderen gewächsen. ich schau da jedenfalls mal rein, wenn die soweit aufgegangen sind und zeigen müssen, womit sie locken.“
„irgendwie locken sie dich ja jetzt schon.“, sagte die frau.
„ja, und? vielleicht bin ich ja floraphil.“
„na, dann bestäube die glockentrichter mal mal hübsch. falls sie dich ranlassen, hast gleich neun abgeschnittene, zarte mädels auf einmal, war doch schon immer dein traum es mit mehreren gleichzeitig zu machen.“
dem mann war nicht wohl. depressionssymptomatiken stellten ihn zu, ließen ihn seinen kopf von innen verpresst nach außen schwer absacken, ihn äußerst ekelhaft von innen rückgekoppelt empfinden, sich nur irgendwie zusammengesetzt und nicht als annehmbare einheit spüren. doch die tulpen richteten sich in den nächsten tagen strahlend empor, reckten ihre trichterförmigen blütenköpfe und glockten ihn trotz seiner für ihn nicht zu ertragenen depressiven form an.
tage vergingen, doch sie öffneten sich einfach nicht.
„wann gehen sie endlich auf, wann blättern sie endlich ihre mösenköpfchen auf und zeigen mir, womit sie locken, hängen heraus, was in ihnen steckt, womit sie abgeschnitten in dieser welt noch locken und einfangen wollen?“
aber die blumen öffneten sich nicht, öffneten nicht einmal im ansatz ihre blütentrichter, verloren ihr strahlendes, zum hinschauen verführendes rot, welkten sich ein und überzogen sich mit einer faulig wirkenden farbe. sie wirkten nun violett matschig, zwei waren bereits vertrocknet und sofern man sie abtastete, fielen ihnen ihre knospenblätter in sechs teile auseinander und ließen sich einfach zu boden fallen.
der mann hatte schon tage vorher ungeduldig zu seiner frau gesagt: „die gehen einfach nicht auf. komische pflanzen, wenn die sich nicht bald öffnen, dann operiere ich, ich mach die auf und schau da trotzdem rein.“
„dann mach mal.“, hatte seine frau nur gesagt.

schon wieder keine sonne draußen, und die tulpen faulten vor sich hin, interessierten sich scheinbar für gar nichts mehr.
„ich operiere jetzt.“, sagte der mann, versuchte sein in sich zugestelltes gesicht zu öffnen, das klirren und stromsurren im eingestremmten kopf zu ignorieren. es gelang ihm nicht. er suchte dennoch seine große schere, fand sie nebenan im zimmer, steckte beide finger in ihre ausgestanzten ohren und zog sie auseinander. die schere wehrte sich, ließ sich nur schwer von ihm grätschen. der mann sah ihren innenschenkelrost und versuchte ihn mit einem zellstofftaschentuch abzustreifen, vergeblich, das tuch zerkrümelte. er versuchte es mit einem textbedruckten blatt papier vom vorabend, rost auf und zwischen den zeilen, knüllte das papier zusammen und schmiß es zu den geschredderten texten. „ich muß jetzt operieren, wenigstens eine von ihnen, sind letztendlich sowieso alle gleich, eine wenigstens, bevor sie gänzlichst anfangen zu stinken, mir schmierig in ihrer fäulnis zwischen den fingern auseinanderfallen.“
der mann rauchte erstmal eine, trank einen schluck vom vergessenen kaffee aus seiner knallgelben tasse. kalt. er griff sich nach dem ausdrücken des kippens die auf seinem schoß liegende große schere, ging nach nebenan, sah im vorbeigehen am tisch sein mittagspsychopharmaka liegen, schaute auf die uhr, elf nach zwölf, warf sich das ding in den mund, griff sich das schon daneben stehende glas wasser, spülte runter, grätschte mit anstrengung die trotz angesetztem rost irgendwie erotisch schimmernden langen stahlbeine der schere und setzte den innen vorhandenen rost zum köpfen einer tulpe an. „ratsch!“, und „zack!“, machte das schnippsen mit der eiskalten, rostigen, langbeinigen schönheit, und der mann hob vorsichtig die angefaulte glocke samt dem etwa einen zentimeter langen stück vom stengel auf, rannte mit beiden zurück an den schreibtisch nebenan, faltete vorsichtig die blüte auseinander, und beim vorsichtigen auseinanderfalten, zerfiel die blüte wie von selber in sechs blütenblätter, zwei auf den tisch, zwei auf den schoß, zwei fielen unterm mann zu boden. an zwei blütenblättern steckte noch ein gelber stiel, der an seiner spitze eine kleine lanze trug, die, wenn man sie berührte, gelben staub abpulverte. ein etwas dickereres saftig grünes, etwa ein zentimeter langes stielchen, welches sich innerhalb der blütenblätter befunden hatte, lag auf dem tisch, und auf dem stielchen war ein weiteres, um ein winziges stückchen längeres, gelbfleischliches, sich glatt anfühlendes stielchen aufgesetzt, wie reingeschraubt im grünen stielchen, und am oberen ende des gelben stielchens waren drei sich hart anfühlende, wie kleine flügel anzuschauende auswüchse gewachsen, wie eine schiffsschraube war das gelbe stielchen anzuschauen, ein bißchen auch wie der propeller eines luftfahrzeuges. am wie ins grüne stielchen reingeschraubt wirkenden ende des propellerstielchens waren nocheinmal drei rausgewachsene, winzige gelbe pulverstaubkügelchen vorhanden. der mann riß eins heraus, gelb waren seine fingerspitzen eingestäubt und dem mann juckte ein auge. „jetzt bloß nicht in den augen wischen.“, ermahnte er sich laut, doch das jucken verlor sich nicht und der mann fegte alle teile vom tisch in die hand, hob die blütenblätter von seinem schoß, sah seine gelbbestäubte hose, sammelte die blätter vom blau ausgelegten fußboden, sah gelbes neben seinen füßen, hielt alles fest, so gut es ging, besann sich kurz, rannte mit all dem zum mülleimer und warf alles, nicht wie zuvor gewollt in den papierkorb neben seinem schreibtisch und auch nicht neben sich zum abfall seiner texte, sondern zu all dem anderen gewöhnlichen unrat in den müllbeutel in der küche.
„noch nicht in den augen wischen.“, sagte der mann, ging ins bad, wusch sich die finger mit seife, spürte seinen drückenden schädel, trocknete sich die hände ab und wischte mit den fingern unter seiner brille über die juckenden augen.
„rein gar nichts sexuelles haben die teile zu bieten.“, hörte der mann sich enttäuscht im rauschen der toilettenspülung.
als der mann an seinen schreibtisch zurückkehrte, schaute er in die knallgelbe kaffeetasse, kippte sie an. leer, bis auf kleingriesigen kaffeegrund und ein winziges, angekippt noch abzugewinnendes, kaltes schückchen kaffee. der mann setzte seine lippen an und entnahm dem grund den kalten schluck. der ascher war weg. merkwürdig. also aschte der mann in die knallgelbe tasse, ließ es zischen auf ihrem kalten matschigen grund.
die buchstaben auf seiner computertastatur waren gelb eingestäubt, und ihm war, als müße er sofort in die tastatur hacken, was ihm die tulpen angetan hatten, versprach es sich, konnte sein versprechen aber nur ins leere tippen. doch mit jedem leeren tastendruck, der ihm keinen text formieren ließ, mit jedem nächsten anschlag, wurden sie etwas sauberer.
dem mann juckte ein auge. er fingerte sich unter die brille und wischte, das jucken verwandelte sich in ein brennen: „ach du scheiße.“, sagte der mann, und ins brennen hängten sich tränen.
als er am abend noch einmal die geile schere grätschte, fand er sie trotz ihrer rostbewehrten widerständigkeit erneut in der außenverchromung ihrer langen schenkel sehr erotisch. „metalllophil müßte man sein.“, sagte der mann, „dann würd ich das geile biest jetzt vernaschen.“ doch er ließ sie nur geräuschvoll ihre quietschenden und schwer zu bedienenden schenkel schließend zuschnappen und legte sie beschwerend auf dem sperrig aufstehenden deckel seiner kontoauszugsmappe ab, deren minusbelege er in den nächsten tagen schreddernd ausdünnen wollte.

- Autor -

Jürgen Landt

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