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Veröffentlicht am 24 Februar 2014 14:31 - Belletristik, Bücher

Julius Fischer: Die schönsten Wanderwege der Wanderhure

Julius Fischer: Die schönsten Wanderwege der Wanderhure

Update 24. Februar: Ironie ist scheinbar kein Stilmittel für jeden. Der Verlag Droemer Knaur hat den Verlag Voland und Quist aufgefordert, Fischers Band aus dem Verkehr zu ziehen und eine einstweilige Verfügung gegen den weiteren Vertrieb von Fischers Kurzgeschichten beantragt. Am 13. März 2014 soll die mündliche Verhandlung vor dem Landgericht Düsseldorf stattfinden. Der Verlag Voland & Quist sieht die “offensichtliche ironische Verfremdung des Titels” als durch die Kunstfreiheit gedeckt an. 

Im letzten Herbst erschien bei Voland und Quist ein neues Buch mit Texten des Bühnenpoeten Julius Fischer. Die schönsten Wanderwege der Wanderhure ist der Titel, der groß auf einen Wegweiser geschrieben auf dem Cover prangt und dessen Untertitel schlicht, aber vielsagend kein historischer Roman lautet. 

 


Bereits das Cover zeigt deutlich, worum es in dem Buch geht. Nämlich zumeist auch um das, um was es nicht geht. Verwirrend? Julius Fischer provoziert und seziert Erwartungen, um mit ihnen zu spielen oder sie gleich kunstvoll zu zerstören.

Julius Fischer wurde 1984 in Gera geboren und lebt heute in Leipzig – und das viel lieber als in Berlin, weil man dort nicht die ganze Zeit von Leuten umgeben ist, „die alles schon wissen und alles schon kennen“. Als Dichter für die Bühne reist er trotz der schönen Heimat quer durch den deutschsprachigen Raum und ist auch Teil der Berliner Lesebühne Lesedüne. Aber nicht nur dort, sondern auch in Dresden bei Sax Royal, wie auch in Leipzig als Mitbegründer der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz gehört er zum Inventar. Als Teil des Slam-Duos Team Totale Zerstörung konnte er einige Titel nach Hause tragen und The Fuck Hornisschen Orchestra ist im deutschen Kabarett kein unbekanntes Phänomen mehr.

Julius Fischers Lebenslauf kann man aber auch wunderbar literarisch verpackt in seinem Buch nachlesen: „Meine Lebensgeschichte würde sich, von mir aufgeschrieben, anhören wie der Polizeireport über einen ruhigen Abend in einem Dorf in Bayern.“ Ganz anders das Tempo seiner Texte. Wer ihn schon einmal live erlebt hat, wird bei der Lektüre manchmal bedauern, dass er nicht so schnell lesen kann wie Julius Fischer vorlesen. Er schreibt konsequent Texte, die auf eine gewisse Performance nicht verzichten möchten. Dank der beigelegten CD kann man sich einen Eindruck davon machen. Sie macht sehr deutlich, welche Bedeutung der mediale Kanal für die Textrezeption hat. Auf der CD finden sich neben gelesenen Texten aus dem Buch auch Geschichten, die keinen Platz im Band fanden, sowie Lieder und ein hörspielartig inszeniertes Stück.

In seinen Geschichten prallt „intellektueller Studentenscheiß“ auf kotzende Prolls, Kabarettistisches ala „Nie Berufliches und Privates mischen – Das weiß mittlerweile sogar die CSU“ auf popkulturell geprägte Alltagsanalysen. Dabei bedient er sich verschiedener Modi des Reflektierens, Zitierens, der Zuspitzung und Übertreibung, wobei die Grenze zwischen effekthaschendem Geschwätz und wirklich intelligenter Unterhaltung manchmal nicht ganz so eindeutig zu ziehen ist. Wahrscheinlich hängt das ganz davon ab, ob die Leserin oder der Leser sich eher auf die Seite des gelangweilten Prolls schlägt oder die des leicht gereizten Intellektuellen, die sich als Typen durch die Texte ziehen.

Der Ich-Erzähler der meisten Texte ist der Kategorie gereizter Intellektueller zuzuordnen, der gekonnt mittels bildungsbürgerlichen Wissenssplittern die Welt des gelangweilten Prolls kommentiert – und seine eigene. Mit feinem Gespür für allerlei verbalen Unsinn und Doppelsinnigkeiten fallen Fischers Texte nicht in den Strudel des Banalen, wenngleich man das von den erzählten Geschichten schon eher behaupten könnte. Wer Suhrkamp als „Titanic der Großverlage“ bezeichnet und Heiner Müller und David Foster Wallace zitiert, kann für den gekonnten Balanceakt letztlich nur gelobt werden.

Schenken die Menschen Richard David Precht wirklich mehr Vertrauen als der Kirche? Wie ist in einer Zeit der Omnipräsenz der social-networks ein Satz wie „Wir sind, was folgt!“ zu bewerten? Und: Hilfe, was würdest du machen, wenn dein Hund mitten im Elektrofachgeschäft einfach stirbt? Dies sind nur einige der Fragen, mit denen Julius Fischer seine Leserschaft zurücklässt. Etwas ratlos, aber stets amüsiert und mit Lust auf mehr. Seine Themen sind direkt aus dem Leben gegriffen und dabei doch immer irgendwie unwirklich. So absurd komisch, das am Ende oft nur eine Frage steht: Echt jetzt?
 


Julius Fischer: Die schönsten Wanderwege der Wanderhure
Voland & Quist 2013
154 S.
14,90 Euro
ISBN 978-3-86391-034-1
 

 

- Autor -

Kristin Gora

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