Diese Seite benutzt Cookies, um uns helfen, die Qualität der Dienstleistungen. verbessern.

Veröffentlicht am 29 April 2014 08:10 - Feuilleton, Sprachraum , Bücher

Michael Paul - Wimmerholz (Auszug)

Michael Paul - Wimmerholz (Auszug)

Auf der Flucht vor der Roten Armee gelangten Tausende deutsche Soldaten über die Ostsee ins neutrale Schweden. Deren Schicksal, dass mit ihrer Auslieferung ins sowjetische Kriegsgefangenschaft endete, bildet den Ausgangspunkt für Michael Pauls Abenteuerroman „Wimmerholz“. Wir veröffentlichen hier Auszüge aus dem 20. Kapitel des Romans.


„Johannes Ratke!“, schallte Hauptmann Mucks Stimme über den Appellplatz. Hannes Augen wurden groß, sein Herz schlug schnell und heftig. Er blickte Paul neben sich ungläubig an.
„Na los, du hast Post!“, flüsterte ihm Paul zu und stieß ihn mit einem Lächeln in die Seite. Im Lager Ränneslätt war es den Soldaten seit einiger Zeit möglich, Post in die Heimat zu verschicken. Auch Hannes hatte diese neue Möglichkeit sofort genutzt, nachdem er auf den Brief, den er Martin damals in der Kirche in Grötlingbo gegeben hatte, keine Antwort erhalten hatte.
„Hier!“, meldete sich Hannes, hob die rechte Hand und zwängte sich durch die Reihen der zum abendlichen Appell angetretenen Kameraden nach vorne. Hauptmann Muck hielt ihm einen Umschlag hin und lächelte. Er wusste, wie lange Hannes auf Nachricht aus der Heimat gewartet hatte. Hannes ergriff den Brief, bedankte sich beim Hauptmann, der ihm freundlich zunickte, und lief unter Freudentränen zurück an seinen Platz.
Endlich! Nachricht von der Familie! Dann hatte auch sein Brief sie erreicht und sie wussten jetzt, wo er war, wie es ihm ging, dass er lebte! Er konnte sich gar nicht beruhigen und bekam von den weiteren Ankündigungen der Offiziere, die vor den Mannschaften standen, nichts mehr mit. Zitternd hielten seine Hände den Umschlag fest. Es war die Schrift seiner Mutter, die den Absender darauf geschrieben hatte, das erkannte er sofort.
„Wegtreten!“, mit diesem Befehl wurde Hannes aus seinen Gedanken gerissen, lief wie in Trance zu der Baracke, setzte sich auf sein Bett und öffnete langsam den Umschlag.
[…]
„Und?“, schwang sich Paul von seinem Bett herunter zu Hannes, der stumm den Brief zwischen seinen Händen hielt. Viele Male hatte er ihn jetzt schon gelesen, immer wieder von vorne.
„Ich bin so froh, dass wir uns nun schreiben können. Alle sind am Leben“, lächelte Hannes, immer noch mit feuchten Augen.
„Endlich wieder ein Lächeln!“, dachte Paul erleichtert.
„Unsere Villa hat nichts abbekommen, nur zwei Bomben sind im Garten eingeschlagen und haben große Krater hinterlassen“, fuhr Hannes fort. „Meine beiden Schwestern helfen im Sanitätsdienst des Roten Kreuzes. Mutter leidet unter ihrem Asthma. Man bekommt nicht genug Medikamente und sie muss sich sehr schonen. Aber sie haben wenigstens genug zu essen. Viele in Deutschland hungern, obwohl die Briten scheinbar auch helfen und Waren verteilen.“
„Und dein Vater?“, fragte Paul mit sorgenvoller Miene.
„Hamburg ist ein einziges Trümmerfeld, alles zerbombt und unsere Firma in der Speicherstadt ist ausgebrannt. Das Lager, Büro, die Waren, alles weg. Die Mitarbeiter sind alle im Krieg geblieben oder in Gefangenschaft.“ Hannes seufzte tief. „Vater muss ganz von vorne anfangen. Er braucht mich! Sie leiden sehr, und trotzdem versuchen sie, mir Mut zu machen. Paul, ich muss schnellstens nach Hamburg! Ich halte das hier nicht mehr aus. Ich haue ab!“
„Hannes, sei vernünftig!“, versuchte Paul ihn zu beruhigen. „Nur noch den Winter, dann kommen wir nach Hause. Du hörst doch, was uns Hauptmann Muck und der schwedische Lagerkommandant sagt. Mach dir keine Sorgen!“
„Und was ist mit den Gerüchten, sie würden uns in Wirklichkeit bald nach Russland schicken?“, entgegnete Hannes. „Warum zensieren sie die Post und die Tageszeitungen, die wir bekommen? Die 160 Balten in dem kleinen anderen Lager drüben sind schon ziemlich in Aufruhr wegen der Gerüchte. Wo Rauch ist, ist auch Feuer!“
Paul schaute ihn an. Natürlich wollte er seinen Freund beruhigen und glaubte fest daran, bald wieder in Deutschland zu sein. Aber Hannes hatte natürlich nicht Unrecht. Die Gerüchte nahmen zu und verdichteten sich.
„Gib nichts auf das Gerede! Nach so langer Zeit bekommt man doch den Lagerkoller“, versuchte er seinen Freund, und ein bisschen auch sich selbst, zu beruhigen.
Das Licht erlosch und in Gedanken an die Heimat und mit der Angst vor der Zukunft lagen beide noch lange wach, bis sie endlich einschlafen konnten.

Auch Olof lag trotz der Erschöpfung noch lange wach. Die aufkommenden Gerüchte machten mittlerweile auch die Zivilbevölkerung zunehmend unruhig. Jeder meinte, etwas zu wissen. Olof konnte niemandem sagen, was er längst wusste. Aber es drohte ihn innerlich zu zerreißen. Er konnte doch Martin nicht sagen, dass seine Freunde nach Russland ausgeliefert werden würden. Er überlegte hin und her, wie er das verhindern konnte, was er tun konnte, wenigstens für Martins Freunde. Lange noch grübelte er und verbrachte eine unruhige Nacht mit wenig Schlaf.
Am Morgen telefonierte er mit dem Ministerium. Es ging auf Mitte November zu, die Tage wurden kurz und merklich kühler. Ein kalter Winter stand bevor.
„Olof, gut, dass Sie sich melden!“, begrüßte ihn die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Wir warten schon auf Ihren Anruf, hier ist die Hölle los.“
„Was ist denn …“, weiter kam Olof gar nicht.
„Bleiben Sie dran, ich verbinde Sie mit dem Minister“, unterbrach ihn die Sekretärin aufgeregt.
Olof räusperte sich. Wenn er sofort zu Undén durchgestellt wurde, musste es wirklich ernst sein.
„Bengtsson?“, meldete sich die Stimme des Ministers.
„Ja, Herr Minister. Guten Morgen“, antwortete Olof.
„Kein guter Morgen! Überhaupt kein guter Morgen!“, brummte Undén ins Telefon.
„Hören Sie! Hier herrscht Chaos. Die Presse hat Wind bekommen von der Auslieferung der Deutschen. Wir wissen nicht, wie lange wir das noch unter der Decke halten können. Mit viel Glück vielleicht noch eine Woche. Wir versuchen die Presse zum Schweigen zu vergattern.“
Olof hielt den Hörer geschockt ans Ohr, wurde kreidebleich.
„Herr Minister, ist Ihnen klar, was hier los ist, wenn die Internierten das erfahren? Sie müssen das verhindern! Was ist mit der Genfer Konvention? Das können wir doch nicht machen! Und wir müssen die Männer nach Haager Landkriegsordnung auch nicht ausliefern! Niemand kann uns dazu zwingen!“ Olof hatte sich seit dem Gespräch damals in Stockholm genau informiert.
„Bengtsson, sind Sie von Sinnen?“, brüllte Undén unvermittelt wütend los. Seine Nerven lagen offensichtlich blank. „Es handelt sich um einen eindeutigen Regierungsbeschluss, der wird umgesetzt! Ist das klar? Ich bin froh, wenn wir die verdammten Deutschen endlich wieder los sind. Wissen Sie, was uns diese Lager jeden Tag kosten? Und die bringen nur Unruhe ins Land.“
Es blieb still. Offensichtlich hatte der Minister eine Reaktion von Olof erwartet, fing sich aber in der kurzen Pause wieder. Olof konnte nichts sagen.
„Haben Sie ein Problem damit, Bengtsson?“, fuhr der Minister, wieder mit ruhigerer Stimme, fort.
„Nein, nein, ich habe verstanden“, stotterte Olof ins Telefon.
„Machen Sie sich keine Gedanken. Es ist bald vorbei. Die Russen haben schon einen Frachter aus Murmansk losgeschickt.“
Olof schwieg und Undén gab seine Anweisungen. Er ließ keinen Zweifel daran, was Olof zu tun hatte.
„Berichten Sie mir ab jetzt jeden Morgen bis 10 Uhr, was in dem Kaff da unten los ist. Rufen Sie an oder schicken Sie ein Telegramm. Und halten Sie sich bedeckt, ich will nicht, dass da Regierungsbeamte in Erscheinung treten, wenn es los geht.“
„Ja, Herr Minister“, konnte Olof noch konsterniert antworten, als das Gespräch mit Stockholm bereits mit einem Knacken in der Leitung beendet wurde.
Deprimiert und wütend, mit dem gewaltigen Gefühl der Ohnmacht lief er durch die Küche hinaus auf den Hof und setzte sich auf die Bank unter dem großen Baum inmitten des Hofs. Lange blieb er sitzen, unfähig, sich zu regen, zu reden, etwas zu tun. Er starrte vor seine Füße auf den Boden und strich sich immer wieder verzweifelt durchs Haar. Martin und Greta kamen aus ihren Zimmern und sahen ihn da sitzen. Sie schauten sich an, liefen die Holztreppe hinab und gingen zu ihm.
„Olof, um Himmels Willen, was ist denn los?“, fragte ihn Greta aufgeregt, als sie Olofs Verfassung sah. Die Verzweiflung war ihm anzusehen. Sein Gesicht war aschfahl. Martin setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Tut mir leid“, begann Olof, “das Ganze geht mir verdammt nahe. Es ist so ungerecht!“
Lange blieben sie wortlos zusammen sitzen.
„Wir müssen etwas unternehmen, Martin! Deine Freunde, sie sind in großer Gefahr! Mehr kann ich euch nicht sagen, aber uns muss was einfallen. Bleibt hier, ich muss kurz telefonieren, bin gleich wieder da.“ Olof stand auf und ging ins Haus.
Kurze Zeit später kam er wieder zurück, ging direkt und in Gedanken versunken zum Wagen, schaute dann aber über das Wagendach hinweg zurück und rief, noch in Gedanken versunken:
„Ich muss für zwei oder drei Tage weg, aber dann komme ich zurück! Bleibt in Deckung, egal was passiert!“
Sein Blick war dabei weiterhin starr, aber er schien nun in Eile und entschlossen, etwas zu unternehmen. Er winkte, stieg ein und fuhr davon.
Greta und Martin sahen dem Wagen nach, wie die Rücklichter durch die Hofeinfahrt verschwanden. Greta lehnte sich an Martins Schulter, er legte seinen Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Was sollte das bedeuten? Sie würden warten müssen, bis er wieder zurück kam. Im Moment konnten sie nichts weiter tun, aber nun machten sie sich große Sorgen um Hannes, Paul und die anderen Soldaten. Die Gerüchte um die Auslieferung! Es musste damit zu tun haben. Sollten sie wahr sein? Martin dachte besorgt an seinen Hamburger Freund. Für ihn musste es unerträglich sein. Martin sah Greta an und sie sah, wie er darunter litt, in diesem Moment nichts für seine Freunde tun zu können.
„Gustav muss sofort was tun!“, rief sie und sprang auf. „Er soll seine Kontakte spielen lassen! Die Presse muss doch auch was wissen.“ Sie liefen zu ihrem Onkel in den Drucksaal.

Von Rautenberg und Rottler hatten begonnen, den Ort nun systematisch zu beobachten und zu durchforsten. Straße für Straße, Haus für Haus durchkämmten sie Eksjö. Irgendwann würden sie den richtigen Hinweis bekommen, jemand würde etwas wissen. Sie gaben sich als englische Presseleute aus, wenn sie an Türen klingelten oder Passanten ansprachen. Manche sprachen englisch, mehr aber sogar deutsch. Sie kamen aus der Deckung, das war von Rautenberg klar. Aber auch er hatte die Gerüchte gehört. Sein Kontaktmann aus Stockholm war nicht untätig gewesen und hielt ihn auf dem Laufenden, so gut es ging. Ihm war klar, dass die Zeit drängte. Umso ärgerlicher war für ihn, als Komarow sich ausgerechnet jetzt meldete und ihm mitteilte, dass er in Stockholm zu tun habe und sie sich auf dem Rückweg treffen müssten.
„Dann ist meine Geduld am Ende, Rautenberg!“, hatte er ihn mit eindringlichem Ton angeblafft, „Dann, wie sagt ihr Deutschen, kommen die Karten auf den Tisch! Zahltag!“ Mit einem höhnischen Lachen hatte Komarow den Hörer unvermittelt und ohne Verabschiedung an seinen Adjutanten weiter gegeben, damit der sich erklären ließ, wann und wo man sich treffen werde. Von Rautenberg hasste diese Art, diese Respektlosigkeit, mit der der Russe immer wieder dieses Siegermachtgehabe zelebrierte. Egal wie, sie hatten noch fünf Tage Zeit. Oder alles wäre verloren.

Undén sollte sich verschätzt haben. Bereits zwei Tage später bekam Olof, zwischenzeitlich im 100 km südlicheren Växjö, den Anruf eines Mitarbeiters der Presseabteilung aus dem Ministerium, dass die kleine Tageszeitung, die „Västmanlands Läns Tidning“ die Bombe mit einem großen Artikel auf der Titelseite hatte platzen lassen. Schon einen Tag zuvor hatte das große „Dagbladet“ landesweit einen Leitartikel über das Asylrecht in Schweden veröffentlicht, der für Unruhe gesorgt hatte. Den direkten Bezug auf die internierten Deutschen hatte der Chefredakteur allerdings nach einem Anruf aus dem Außenministerium herausgestrichen.
Olof hatte sich mit zwei Kollegen, die die anderen Lager beobachteten, getroffen und beraten. Erik Larsson war von Rinkaby mit dem Wagen gekommen, dem südlichsten Lager vor den Toren Kristianstads. Björn Lind war von Göteborg mit einem kleinen Flugzeug gekommen. Von dort aus beobachtete er ebenso diskret die Lage in den zwei anderen Lagern im Nordwesten, Backamo und Grunnebo, und berichtete nun auch täglich nach Stockholm. Sie wussten ja längst, was tatsächlich unmittelbar bevorstand. Irgendwie hatten sie alle drei gehofft, dass es nicht so kommen würde.
Die Nachricht, dass die Presse nun nicht mehr dicht hielt, machte die Lage prekär, gleichzeitig hatten sie es sich insgeheim gewünscht. Sie waren sich einig, dass ein großes Unrecht geschehen würde - und konnten sich die Haltung der Regierung, insbesondere auch ihres Ministers, nicht erklären. Die Öffentlichkeit musste Druck ausüben, der König, das Ausland! Innenpolitisch war hier nichts mehr zu bewegen, darüber waren sie sich einig.
Eine Information, die Olof aber noch aus Stockholm bekam, sollte sich als sehr wertvoll erweisen.
„Der Geheimdienst hat festgestellt, dass sich Andrej Komarow seit ein paar Tagen in der russischen Botschaft in Stockholm aufhält“, teilte ihm der Kollege aus dem Ministerium mit. „In einem abgehörten Telefonat haben sie in Erfahrung bringen können, dass er sich in wenigen Tagen in Eksjö mit einem Deutschen namens von Rautenberg treffen wird. Ist das für Sie interessant? Sie sind doch da unten? Läuft da was, was wir hier wissen sollten?“
„Ja, kann sein“, quittierte Olof die Information bewusst gelassen, um seinen Gesprächspartner nicht spüren zu lassen, wie sehr er sich über diese Information freute. Endlich konnte er Martin, Greta und der kleinen Lena helfen. Er hatte auch sofort eine Idee.
Bengtsson und seine Kollegen gingen in Växjö auseinander mit der Absicht, zumindest im Rahmen ihrer wenigen Möglichkeiten zu versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Sie ahnten nicht, dass sie keine Chance mehr haben sollten.

Die Nachricht verbreitete sich im Lager wie ein Lauffeuer. Zivilisten hatten die Nachricht gehört und am Lagerzaun den Wachsoldaten und Deutschen erzählt. Nun war es raus! Sie sollten nach Russland geschickt werden! Sie waren die ganze Zeit belogen worden. Die Wachsoldaten hatten nichts davon geahnt, zu sehr hatte die Regierung darauf geachtet, dass ihr Beschluss vom Juni geheim blieb. Fünf Monate! Und es war verdammt gut gelungen, obwohl viele davon gewusst hatten. Doch nun nahm das Drama seinen Lauf.

Hannes und Paul saßen beim Essen an einem der langen Tische, als ein Kamerad aufgeregt vom Tor angerannt kam. Schon von Weitem brüllte er immer wieder etwas. Die ersten Soldaten sprangen auf, andere schauten erschrocken hin, hatten aber nicht verstanden, was er gerufen hatte. Schnell machte die Nachricht die Runde. Einige schrieen wütend herum, rannten herum, schlugen auf den Tisch, warfen mit Geschirr. Wieder Andere sanken in sich zusammen, begannen zu weinen. Viele liefen auch einfach wort- und ziellos mit gesenktem Kopf davon. Sie hatten es geahnt.
Hannes blieb regungslos sitzen, den Blick starr vor sich auf den Tisch gerichtet. In dem Moment war Paul sofort klar, dass für Hannes nun ein Alptraum wahr werden würde. Er dachte gar nicht über sich selbst nach, zu sehr machte er sich Sorgen um den Freund.
Das Geschrei um sie herum nahm Hannes nicht wahr. Er kauerte sich zusammen, vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen wie ein kleines Kind. Paul versuchte, ihn in den Arm zu nehmen, damit er nicht von der Bank fiel.
In kürzester Zeit überdeckte eine furchtbare, grausame Stimmung das gesamte Lager. Die schwedischen Wachsoldaten fühlten sich als Verräter, dabei waren die Meisten ja selbst nicht informiert und schließlich angelogen worden. Und für die deutschen Soldaten stand nun das offenkundig bevor, was sie immer als das Schlimmste, was passieren könnte, bezeichnet hatten: der blanke Horror, das Todesurteil. Die Gerüchte über eine Auslieferung waren regelmäßig von den Männern mit einem „Lieber sterbe ich hier in Schweden, als nach Sibirien zu gehen und in einem der Lager oder Bergwerke zu verrecken“ abgetan worden. Nur war es damals nur ein wildes Gerücht, es erschien ihnen wie eine irrwitzige Verschwörungstheorie. Jetzt aber war es grausame Gewissheit geworden. Die Schweden hatten sie verraten! Doch die Verzweiflung überdeckte ihre Wut und ihre Enttäuschung.

Martin und Greta erreichte die Nachricht fast zeitgleich. Gustav hatte einen Anruf bekommen und kam in die Küche gestürzt, während die Frauen das Essen vorbereiteten. Martin war im Hof und reparierte einen Stuhl, lief aber ins Haus, als er Gustav aufgeregt rufen hörte. Wie versteinert hörten sie ihm zu, als er die schreckliche Nachricht überbrachte. Greta schlug die Hände vors Gesicht und drückte sich an Martin, Marit ließ den Kochlöffel fallen, bekreuzigte sich und begann leise ein Gebet zu sprechen.
Sie dachten nicht mehr an die Geige, nicht an die Ge-fahr durch die Werwölfe. Ihre ganzen Sorgen galten den deutschen Soldaten und besonders Martins Freunden.
„Das kann doch nicht sein“, schrie Martin, schlug mit der Faust gegen den Türrahmen und lief hinaus auf den Hof. Sie liefen ihm hinterher und Greta packte ihn von hinten, umarmte ihn, um ihn zu beruhigen.
„Wir müssen dahin!“, rief Marit in resolutem Ton. Sie hatte sich am schnellsten wieder gefangen. „Wir zeigen denen, dass das so nicht geht! Da müssen wir doch was tun.“
„Ja, du hast absolut Recht. Das lassen wir nicht so einfach geschehen“, stimmte ihr Gustav zu. Nach dem ersten Schock kam sein Kampfgeist wieder zum Vor-schein. Sofort hatte er einen ersten Schlachtplan im Kopf:
„Passt auf! Ich gehe zu Pfarrer John Stahle und Unterpfarrer Gustav Brodin, und zum Bürgermeister. Wir müssen jetzt gemeinsam den Protest organisieren!“ Er ging auf Martin und Greta zu und nahm ihre Hände. „Noch ist die Sache nicht entschieden, jedenfalls nicht so einfach! Und nachher schreibe ich einen Artikel für morgen, der sich gewaschen hat!“
Die Energie, mit der Gustav die Sache gleich anpackte, tröstete Martin, gab ihm wieder etwas Hoffnung. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.

Einige Stunden herrschte eine gespenstische Ruhe im Lager, eine Schockstarre. Es herrschte eine unheimliche, tödliche Stille.
Auch die Lagerleitung und die deutschen Offiziere mussten erst ihre Fassung wiedergewinnen. Möglicherweise hatte der eine oder andere schwedische Offizier die Zeichen und Gerüchte richtig zu deuten gewusst und etwas geahnt, aber tatsächlich damit gerechnet hatte wohl niemand.
Alle hatten sich in ihre Unterkünfte verzogen. Es waren kaum Männer zu sehen, selbst die Wachpatrouillen am Zaun waren für einen Moment verschwunden. Jeder musste auf seine Art erst einmal mit dieser neuen Situation fertig werden.
Dann plötzlich, als hätten sie sich in Gedanken verabredet, kamen die Internierten fast gleichzeitig aus den Baracken und Zelten und versammelten sich auf dem Sportplatz. Sie begannen zu diskutieren, zu debattieren. Einige riefen laut Parolen. Viele warteten auch nur ab, standen herum und rauchten. Alle hatten das Gefühl, etwas tun zu müssen, aber in dem Schock hatte keiner eine Idee. Die Gesichter waren blass, die Augen vieler Männer verquollen und gerötet. Keiner schämte sich seiner Tränen.
Plötzlich sickerte über einen Wachsoldaten die Information durch, dass die baltischen Internierten in dem kleinen Nebenlager erklärt hätten, aus Protest in den Hungerstreik zu treten. Sie hatten das gesamte Essen aus ihren Baracken hinausgetragen auf den Hof, und es dort demonstrativ zu einem Haufen gestapelt. Das wurde sofort heiß diskutiert, aber dann entschloss man sich, sich dem Streik nicht anzuschließen, noch nicht. Hauptmann Muck und andere Offiziere versuchten die Männer zu beruhigen. Aber ohne eine Aktion, ein klares Zeichen konnte keine Ruhe mehr im Lager einkehren. So entschieden sie nach längerer Debatte mit Handzeichen einstimmig, aus Protest ab sofort zunächst jeden Arbeitseinsatz zu verweigern.
Langsam verteilten sich die Männer wieder, gingen weiter diskutierend auseinander und zu ihren Unterkünften. Vielen war auch ohne Hungerstreik der Appetit auf das Abendessen vergangen. Noch am gleichen Abend sah man viele Männer vor den Baracken sitzen und Briefe schreiben. Auch Hannes schrieb an seine Familie, obwohl er immer wieder von der Verzweiflung übermannt wurde und seine zitternden Hände kaum noch eine lesbare Schrift auf das Papier bringen konnten. Aber er musste doch etwas tun!
An einigen Baracken wurden erste Plakate und beschriftete Bettlaken aufgehängt. In roten oder schwarzen Buchstaben war zu lesen:
„Lieber tot als Sklav!“
„Lieber in Schweden erschossen als in Sibirien verrecken!“
und
„Wir mussten die Waffen strecken, aber wollen nicht ehrlos verrecken!“
An die Küchenbaracke nagelten drei Kameraden ein Banner mit der Aufschrift „Einigkeit macht stark!“. Sie wollten nicht aufgeben, noch lange nicht.

Am nächsten Morgen erwarteten Paul und Hannes mit großer Anspannung den Morgenappell. Sie hofften auf neue, hoffentlich bessere Nachrichten. Zuerst berichtete Hauptmann Kessels darüber, dass im Morgengrauen sieben Männer geflüchtet seien. Sie hatten ein Loch in den Stacheldraht geschnitten. Die Hoffnung, dass die Zivilbevölkerung ihnen helfen würde, war groß. Doch zwei der Männer waren schon nach einer halben Stunde wieder gefasst worden, die restlichen fünf kamen auch nicht weit.
Hauptmann Muck sah auch aus der Entfernung, in der die Soldaten zu ihm standen, schlecht aus. Tiefe, dunkle Ringe umschatteten seine kleinen, traurigen Augen. Mit niedergeschlagener Stimme bat er seine Männer, Ruhe zu bewahren und die nächsten Tage abzuwarten. Sofort reagierten die Truppe mit lautstarkem Protest. Die Stimmung war aufgeheizt, und gleichzeitig waren die Männer stark depressiv - eine gefährliche Mischung, das wussten auch die Offiziere. Doch sie konnten auch nichts tun. Sie versprachen, sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln um eine umgehende Aufhebung des Beschlusses zu bemühen.

„Greta, was sollen wir nur tun?“, fragte Martin verzweifelt am nächsten Morgen, „Ich kann doch meine Freunde nicht im Stich lassen!“
Greta nahm ihn liebevoll in den Arm, „Ich weiß es auch nicht.“
Marit und Lena kamen hinzu und das Mädchen umarmte Martin und Greta mit traurigem Gesicht. Aus dem Drucksaal hörte man das Stampfen der Druckmaschinen. Sie liefen auf Hochtouren, Gustav war nur noch rennend zu sehen. Eine Sonderausgabe mit vielen Fotos von Lars Rosenberg, aktuelle Interviews und eine Ausgabe mit Rekordauflage waren zu drucken.
„Viele aus der Stadt laufen rüber zum Lager, wollen Solidarität zeigen. Die Frauen nehmen Blumen mit für die Soldaten. Vielleicht geht ihr auch hin, sucht nach Martins Freunden. In dem Tumult fallt ihr nicht weiter auf“, schlug Marit vor.
„Ja, das ist eine gute Idee!“, stimmte ihr Greta zu.
„Ich will auch mit!“, rief Lena.
„Nein, Lena, das ist zu gefährlich. Bleib du hier bei mir“, sagte Marit aus mütterlicher Fürsorge.
Lena reagierte mit einem trotzigen Kopfnicken und zog sich beleidigt auf ihr Zimmer zurück.
„Ach ja, Olof hat eben angerufen, er kommt gegen Abend wieder hierher zurück“, berichtete Marit weiter.
„Gut, hoffentlich hat er Neuigkeiten für uns“, bedankte sich Martin. Greta ging in den Vorgarten und pflückte ein paar bunte Wiesenblumen, band sie zu einem kleinen Strauß zusammen, und gemeinsam mit Martin schlossen sie sich den Frauen und Männern an, die die Straße hinab in Richtung Lager liefen.

Es klopfte an der Tür des Zimmers 106 im ersten Obergeschoss der russischen Botschaft in Stockholm. Der Adjutant öffnete die Tür, ein Botschaftsmitarbeiter murmelte etwas und übergab einen Umschlag.
Komarow, der mit einer Zigarre in einem hohen Lehnsessel vor dem bis zum Boden reichenden Fenster saß und den Ausblick auf die Stadt genoss, nahm den Umschlag von seinem Assistenten mit einem mürrischen Brummen entgegen. Der Rauch nebelte das ganze Zimmer ein. Komarow legte die Zigarre ab, betrachtete das gelbliche, unbeschriftete Kuvert von allen Seiten und zog die Augenbrauen hoch. Dann öffnete er den Umschlag vorsichtig und zog ein Telegramm heraus. Auf dem Formular waren die Textzeilen als Papierstreifen einzeln untereinander aufgeklebt. Sätze waren mit drei Pluszeichen getrennt. Er las und lachte.
„Bengtsson, mein alter Freund! Sieh an, jetzt kommt Bewegung in die Sache! Juri“, wies er seinen Adjutanten an, „mach den Wagen fertig und pack heute Abend unsere Sachen. Morgen früh fahren wir nach Småland, in dieses Eksjö. Und informiere dich, wie wir am schnellsten in diese gottverlassene Gegend kommen.“
Grinsend lehnte er sich zurück und zog wieder zufrieden an der dicken Havanna. Wenn von Rautenberg seine Hausaufgaben endlich gemacht hatte, würde er vermutlich schon bald als nationaler Held vor Stalin stehen.

In der Gruppe waren Martin und Greta geschützt und kamen nach einigen Kilometern zum Eingangstor des Lagers. Auch der Pfarrer war in der Gruppe und lief neben ihnen her. Martin spürte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Sofort fiel ihm auf, dass die Wachen verdoppelt worden waren und nun auch Maschinenpistolen trugen statt dem bisher üblichen Sturmgewehr. Die dramatische Nachrichtenlage und der Ausbruchsversuch ließen offensichtlich auch das schwedische Militär nervöser werden.
Links und rechts des Tores sah Martin große Stapel an Zaunpfählen und viele Rollen Stacheldraht.
„Sie verstärken die Zaunanlage“, flüsterte er Greta zu und zeigte auf das Material.
Ein Wachsoldat hielt die Gruppe auf und erklärte den Frauen in der ersten Reihe, dass sie nicht ins Lager könnten und die Zufahrt freihalten müssten. Doch längst waren viele Frauen und Männer aus Eksjö zum Lager gekommen und standen links und rechts des Tors an den Zäunen entlang. Sie banden die Blumen an den Zaun und redeten mit den deutschen Gefangenen. Vor der Umzäunung herrschte ein regelrechtes Gedränge, der Menschenstrom aus Eksjö schien nicht abzureißen. Auch Lars Rosenberg war bereits vor Ort und hatte sich mit seinem Fotoapparat und Stativ auf einer kleinen Anhöhe postiert, um die Szene gut einfangen zu können.
Viele Frauen hatten Briefe geschrieben, die sie durch den Zaun durchreichten. Diese Anteilnahme machte Hoffnung, wenigstens für den Moment. Auch viele Deutsche im Lager, die hörten, was am Zaun los war, kamen hinzu und so trennte bald nur noch ein Stacheldrahtzaun die Menschenmenge in zwei Gruppen: eine in Freiheit und eine in Gefangenschaft, eine mit Hoffnung, eine mit Verzweiflung.
Das schwedische Wachpersonal griff nicht ein, denn die Lage schien ruhig und friedlich zu bleiben.
Greta sah die Protestplakate an den Baracken und warf Martin einen sorgenvollen Blick zu. Dann sah Martin seinen Freund Paul.
„Paul! Paul! Hierher!“, rief er ganz aufgeregt, nahm die Arme nach oben, um besser durch die dicht gedrängt stehende Menschenmenge nach vorne an eine freie Stelle zu gelangen.
„Martin!“, rief Paul überrascht und zwängte sich ebenfalls zu der Stelle am Zaun durch.
„Mensch, Paul! Gott sei Dank, es geht dir gut!“, rief Martin und ergriff durch die Maschen seine Hand.
„Na ja, gut ist wohl nicht ganz richtig“, erwiderte Paul mit einem gequälten Lächeln, „Ich bin gesund und wir wurden die ganze Zeit gut behandelt und versorgt. Aber jetzt? Die wollen uns zu den Russen schicken! Die lassen uns doch in ihren Bergwerken in Sibirien zu Tode schuften.“ Er sah Martin besorgt an.
„Nun warte mal ab“, versuchte Martin etwas Beruhigendes zu sagen, ohne dass er selbst so richtig daran glauben konnte.
„So wie die Bevölkerung hier hinter euch steht, ist es bestimmt in ganz Schweden. Der Beschluss ist Unrecht, das werden sie nicht durchhalten, da bin ich mir sicher.“
Pauls Blick fiel auf Greta, die nun neben Martin angekommen war.
„Oh, das ist übrigens Greta“, stellte Martin sie stolz vor.
„Und du bist Paul“, begrüßte ihn Greta und gab ihm durch den Zaun die Hand.
„Ja, hallo Greta“, erwiderte Paul, der die junge Frau mit einem schnellen Blick von oben bis unten musterte, „Mensch, mein Freund, da hast du ja ein wunderbares Mädchen gefunden! Pass gut auf sie auf, ja? Versprich mir das!“, grinste Paul. Fast hätte es eine normale Begegnung unter guten Freunden sein können, wäre nicht der Stacheldraht zwischen ihnen gewesen.
„Wo ist Hannes? Wie geht es ihm?“, fragte Martin.
„Das kannst du dir ja denken“, begann Paul, jetzt wieder mit ruhiger, trauriger Stimme, „Er liegt nur noch auf seiner Pritsche und starrt an die Decke. Erst vor ein paar Tagen hat er den ersten Brief von seiner Familie bekommen, war so glücklich, und jetzt das! Ich mache mir große Sorgen um ihn.“
„Ja, das verstehe ich“, antwortete Martin, „Wenigstens hat er dich an seiner Seite, das beruhigt mich etwas. Sag ihm herzliche Grüße, und morgen versuchen wir wieder um die gleiche Zeit hier zu sein, dann soll er unbedingt mit hierher kommen! Richtest du ihm das aus?“
Plötzlich wurde es am Rande der Gruppe vom Tor her unruhig. Wachsoldaten versuchten, die Internierten vom Zaun zurückzudrängen und offensichtlich die Versammlung aufzulösen. Zunächst versuchten einige Gefangene, sich zu wehren, und die zum Zuschauen verdammten Schweden auf der anderen Seite des Zauns protestierten lautstark. Man spürte auch dem Wachper-sonal an, dass die Männer sich in ihrer Aufgabe unwohl fühlten. Trotzdem kam es nun schnell zu einem kleinen Tumult und Handgemenge. Die Menschen, die der Szene machtlos beiwohnen mussten, schrieen auf die schwedischen Soldaten ein und rüttelten am Zaun und den Pfosten.
Die Situation drohte zu eskalieren, die Verzweiflung war zu groß, die Wut nicht mehr zu beherrschen. Weitere Internierte kamen aus den Baracken gelaufen, um ihren Kameraden beizustehen. Auch erste Deutsche versuchten, an den Pfosten zu rütteln, als wollten sie den Zaun einreißen. Hannes war durch den Lärm aufgeschreckt worden und auch hinunter in Richtung Zaun gelaufen.
Als einige Deutsche zu Ästen und Stöcken griffen und sie wie Knüppel drohend hochhielten, krachte ein Schuss. Ein Offizier hatte seine Pistole gezogen und einen Warnschuss in die Luft abgegeben. Der Knall hallte durch den Wald und kam mehrfach aus allen Richtungen als Echo zurück. Schlagartig war es still, niemand bewegte sich, als wären sie zu Salzsäulen erstarrt. Alle schauten gebannt auf den Offizier, der die Pistole noch immer nach oben hielt.
Im gleichen Moment wurde allen Anwesenden in dieser gespenstischen Situation klar, dass weder die Deutschen, noch die schwedischen Soldaten Schuld daran hatten, was gerade geschah. Sie schauten sich sekundenlang an, niemand sprach ein Wort. Als würde das Echo des Schusses immer weiter hallen.
In diesem Moment passierte etwas Unerwartetes und sie drehten sich alle schlagartig um. Von der kleinen Anhöhe oberhalb des Lagers, auf der vorher Lars Rosenberg seine Fotos gemacht hatte, erklang plötzlich, die Stille durchbrechend, der Klang einer einzelnen Geige. Dort stand Lena! In ihrem dunkelblauen Kleidchen mit den weißen Punkten, das sie von Tante Marit geschenkt bekommen hatte, alleine und mit ihrer Geige unter dem Kinn. Die ersten, kristallklaren Töne eines ruhigen, traurigen Stückes von Bach erklangen und der Hall des Waldes schien das einzelne Instrument in ein ganzes Streichorchester zu verwandeln. Niemand konnte sich rühren vor Ergriffenheit, alle starrten wie gebannt auf das Mädchen und hörten der Musik zu: die Wachsoldaten ebenso wie die Frauen und Männer vor dem Zaun und die deutschen Soldaten dahinter. Niemand konnte sich diesen Klängen und dem Anblick des kleinen Mädchens, das unerschrocken auf dem Hügel stand und für sie alle spielte, entziehen. Martin nahm Greta fest in den Arm. Kein Auge, das in diesem Moment trocken blieb.
Als der letzte Ton langsam verklang, blieb es still und ruhig. Niemand rührte sich. Dann begann der Pfarrer das Vaterunser und alle falteten die Hände und murmelten das Gebet mit, in Schwedisch oder in Deutsch.

Langsam kam Lena den Hügel herunter und eine Gasse bildete sich in der Menge. Sie strichen dem Mädchen mit der Hand über das Haar, nickten ihm freundlich zu und lächelten. Lena trug ihre Geige vor dem Bauch und kam zu Martin, Greta und Paul an den Zaun. Marit kam plötzlich durch die Menge und erklärte ihnen mit Tränen in den Augen, dass sie Lena einfach nicht mehr hatte aufhalten können, nachdem Martin und Greta gegangen waren. So war sie dem Mädchen zum Lager gefolgt. Sie flüsterte fast, denn es war immer noch ganz still und alle sahen auf das Kind. Greta ging in die Knie und nahm das Mädchen fest in den Arm.
Lenas Augen hefteten sich derweil an ein Ziel hinter dem Zaun, das in dem Moment niemand beachtete. Sie hatte Hannes entdeckt, der nun auch zum Zaun gelaufen kam. Wie schlecht es ihm angesichts der nun eingetretenen Situation ging, konnte man schon an seiner Körperhaltung erkennen. Seine Schultern hingen herunter, sein Gang war langsam und schleppend, als wäre ihm sein eigener Körper zu schwer. Seine traurigen Augen mit leerem Blick waren gerötet und saßen in tiefen, dunklen Augenhöhlen. Das Gesicht war blass und ausdruckslos. Sein Leiden war offensichtlich, und es schmerzte Martin, seinen besten, früher so lebensfrohen, lustigen Freund nun gebrochen sehen zu müssen.
Sie umarmten sich durch den Zaun hindurch, lange und innig. Hannes begann zu zittern und schluchzen, Paul legte seine Hand auf Hannes` Schulter und stützte ihn. Hannes schaute Greta an.
„Es tut mir wirklich sehr Leid, was unsere Regierung da gerade versucht. Aber ihr seht ja, dass die Bevölkerung das nicht akzeptieren will. Wir stehen hinter euch. Das ganze Land ist in Aufruhr“, sprach ihn Greta an. Unter anderen Umständen hätten sie sich wie Freunde begrüßt, aber so dachten sie gar nicht daran.
„Ja“, stimmte ihr Martin zu, „und Gretas Onkel Gustav macht die örtliche Tageszeitung. Der rührt jetzt ganz schön die Trommel. Er formiert einen richtigen Widerstand!“
„Das hört sich gut an, Martin, danke“, gab Hannes leise zur Antwort und seinem Tonfall war zu entnehmen, dass er keine Hoffnung daraus schöpfen konnte. Er schien abwesend, in sich gekehrt und sprach nicht weiter.
„Hallo Lena“, begrüßte Paul das Mädchen, „du hast so wunderschön für uns gespielt, ich danke dir!“
[…]
Sie kamen zurück ins Haus zu Gustav. Der war schon ganz aufgeregt, denn Lars Rosenberg hatte ihm Fotos von den Leuten am Zaun für das Titelblatt morgen zugesagt.
„Und, und?“, überfiel er Martin und Greta und sie mussten genau berichten, was vorgefallen war.
„Olof ist auf dem Weg hierher, er hat aus Växjö angerufen, müsste bald da sein“, unterbrach Gustav hektisch. Während er redete, drehte er sich bereits um und verschwand wieder in der Druckerei und seinem kleinen Redaktionsbüro.
„Nun ruht ihr euch erst mal aus, sicher habt ihr alle großen Hunger! Lenchen kann mir ein bisschen in der Küche helfen“, nahm Marit die Organisation wie gewohnt in die Hand, „damit wir essen können, wenn Olof kommt.“
 


Michael Paul - Wimmerholz
Tredition 2014

Hardcover, 432 Seiten
ISBN: 978-3-8495-7552-6
€ 23,80

Taschenbuch, 444 Seiten
ISBN: 978-3-8495-7764-3
€ 17,80

e-Book, 426 Seiten
ISBN: 978-3-8495-7766-7
€ 9,80

Erhältlich auch über die Homepage des Autors:
www.michael-paul.eu

- Autor -

Michael Paul

Amazon

Das Magazin Wasser Prawda  (Inhaber Andreas Kaufeldt) ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon Europe S.à r.l. und Partner des Werbeprogramms, das zur Bereitstellung eines Mediums für Websites konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.co.uk / Javari.co.uk / Amazon.de / Amazon.fr / Javari.fr / Amazon.it Werbekostenerstattungen verdient werden.