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Veröffentlicht am 30 Oktober 2014 12:41 - Feuilleton, Sprachraum

gewußt wohin und schlimm zu wissen wohin?

UNTERM SAFT GEHT'S WEITER / 104

gewußt wohin und schlimm zu wissen wohin?
gewußt wohin und schlimm zu wissen wohin?
„meine freundin hat mir ein kartenspiel mit scheißhaufen drauf geschenkt. da sind die größten und schwersten scheißhaufen drauf. ist ein quartettspiel zum ablegen, zum auslegen, weißt du?“
„ohne scheiß jetzt?“
„wenn ich dir das sage, stimmt wirklich. der schwerste ist 1,8 kilo schwer gewesen in dem spiel. und die kann man dann auslegen, also ablegen, quartettspiel halt.“
„jetzt mal ehrlich, ohne scheiß? von menschen?“
„wenn ich dir das sage. ist wahr, mensch, elvis, wenn ich dir das sage. oder hab ich dich schon mal angelogen, mein freund?“
„weiß nicht. aber so einen klumpen vom menschen? 1,8 kilo? den muß man einwecken, konservieren. das ist dann ja schon kunst.“ 
„kann sein, aber nicht, wenn er sich aus meiner poperze herausgedrängt hätte, da würd ich richtig leiden, mein freund“, antwortete mir mein alter freund.
„aber wenigstens abfotografieren.“
„ist doch schon, auf dem kartenspiel.“
„stimmt.“
wir wechselten das thema. ich zeigte ihm meine autogrammkarte von molly luft nebst dem infozettel mollys minipreise. 
„sagt mir irgendwas. hamburg?“, fragte er mich.
„berlin“, antwortete ich, „hat mir mal ihre riesentitten durchs gesicht gepeitscht.“
„aber sie hat mich vorher gefragt, ob sie darf“, sagte meine frau.
„und jetzt kommts, hör mal zu, hier hinten ist mollys minipreisliste angeheftet.“ und dann las ich ihm ihre angebotsliste vor. es fing mit 15,- € an für eine handentspannung und ging in fünf-euro-schritten weiter. blasen oder verkehr 20,- €, blasen und verkehr 25,- € und so weiter bis 45,- € für französich gegenseitig, tittenfick, verkehr mit stellungswechsel, vibratorspiele und weiter bis zu ihren ganz unten angeführten teuersten angeboten für 50,- €, welche doktorspiele auf dem gyn.stuhl, facesitting, trampling, rollenspiele, küssen, skalvia- und vergewaltigungsspiele, leichte dominanz, flotter dreier, faustfick, natursekt, kaviar und gesichtsbesamung beinhalteten.
mein freund legte sich mollys autogrammkarte auf dem tisch zurecht, knickte den angehefteten minipreiszettel daneben in eine sichtbare form, fotografierte ihn mit seinem handy ab und postete das foto sofort. schon nach wenigen sekunden kam ein erster kommentar zurück: was für den schmalen geldbeutel, und dann hörte das handy nicht mehr auf zu piepen.
„und wann hast du geburtstag?“, fragte ich ihn.
„ist noch ein weilchen hin.“
„na, dann paß mal auf“, ich zeigte auf mollys minipreisliste, „hier, geburtstagsnummer 10 % rabatt!“
„dann krieg ich ja ’ne handentspannung für 13,50 €. geht’s noch, elvis? elvis, doller geht’s nicht. was freu ich mich, daß ich älter werde!“
„kannst du auch. und eine bonuskarte hat sie auch, 10 x kommen = 1 gratisnummer. hättst du alles kriegen können, aber molly ist tot. feier du erstmal irgendwann deinen fünfzigsten ganz groß, und wenn ich dann noch leben sollte, komm ich auf alle fälle. und wenn du dann später so alt wirst, wie ich jetzt bin, und ich immer noch da sein sollte, dann feiern wir noch einmal. ganz groß und zusammen.“
„ach, die ist schon tot?“ 
„ja, vor kurzem gestorben. bei der session auf schloß wrodow, HARTZ IV, EINE KUNSTPERFORMANCE hieß das, glaube ich, da war sie gast, hat mir ihre schweren titten auf die schädeldecke geknallt und ins gesicht gepeitscht.“ 
„na, dann fällt bei dir ja auch das facesitting aus. hast ja noch mal glück gehabt“, antwortete er mir.
„hätt ich von molly bei mir nicht machen lassen. 330 pfund, stell dir das mal vor. ich glaub nicht, daß sie die sensorik drauf gehabt hätte, um mich nicht luftlos von der kugel zu stoßen. aber sonst war sie ein lieber mensch. darmkrebs. hat nach der kunstaktion, nach dem rumreichen ihrer in einer plastiktüte mitgebrachten dildos, nochmal kurz für ein paar monate einen puff aufgemacht, der ist dann wohl eingegangen. sie ist in ein pflegeheim gekommen und dort dann ein paar wochen später gestorben. na, ich werd auch bald sechzig und dann war’s das bei mir wohl auch. da oben auf dem schrank steht noch der exzellente whisky balvenie, den du mir zum vierzigsten geschenkt hast, und der war damals schon 15 jahre gereift. „hier“, ich holte das ding vom schrank runter, „age: 15 years, also alter: 15 jahre steht drauf. dann weißt du ja, wie alt der jetzt ist. ist das doll oder nicht? ich hab hier schon so viel gesoffen, aber der whisky von banky ist tabu, habe ich immer gesagt. der bleibt da oben stehen, genau wie die riesendose mais.“
„31“, kam seine antwort schnell wie nach einer eingabe in einen taschenrechner, „den trinken wir auch noch zusammen.“
„können wir machen, falls ich mal wieder zu mir komme“, sagte ich. „irgendwann machen wir den auf, irgendwann greife ich wieder an, ich geh auf keinen fall trocken unter die erde.“
„ich will dich nicht unter druck setzen“, sagte banky, „das entscheidest du.“
„ich wollte ja immer mit sechzig noch mal durchstarten, noch mal anrucken, weißt du, aber ich werde schon ewig einfach nicht mehr klar im kopf, komm nicht mehr zu mir.“
ein student saß noch mit uns im wohnzimmer, auch ein ganz lieber, aber er sagte nichts dazu, und banky schickte ihn zum discounter über die straße, um bier nachzuholen.
meine frau kippte uns allen noch einen dritten becherovka ein.
ich merkte die drei dinger und die paar bier. benommen vom cipralex und das antelepsin so hoch dosiert und dann seit jahren trocken. und dieser widerliche zimtgeschmack an diesem schnaps, als wenn man lebkuchen aus schnaps trank. 
im treppenhaus machte eine frau alarm, klingelte an allen türen: „wem gehört der weiße opel auf dem bürgersteig!!!“
„uns nicht“, anwortete meine frau, und als die frau bei der nachbarin klingeln wollte, hörte ich von meiner frau: „da brauchen sie nicht klingeln, die hat kein auto.“
„mach einfach wieder zu!“ schrie ich in den flur. „mach einfach wieder zu die tür, mach doch einfach die tür zu, das zieht hier.“
ich stand auf, um wenigstens die wohnzimmertür zu schließen und sah schwindlig noch einen rest von zwei beinen die treppen hochsteigen, und dann war die tür wieder zu.
„und, sah die frau gut aus?“
„das auto war hässlich.“
„ob die frau gut aussah. wär das was für banky und mich für ’nen mini-gang-bang?“
banky lachte und wiederholte: „mini-gang-bang. das kommt gut. ach, elvis, du alter hund!“
„hässlich wie ihr auto.“
„na, dann ist ja gut, daß du die tür zugemacht hast.“
mini-preise, mini-gang-bang, mini-röcke, mini-mäuse, minimal und mini-soße, minimisierung und minimum, minigolf, minimalart und minenfeld, mindestens und mindestzeit, miniatusierung, miniaturmalerei und minibikini, minimalpaar und der mann so mindersinnig.
ich wußte von meinem minderen mini-geist. mindestens. ich wußte, daß ich nichts wissen mußte. jetzt nicht mehr. und vorher auch nicht. molly und alle. alle waren sie mal dagewesen. und ich auch. wie viele zuvor. und meine frau. und die kinder. all die kinder. nach der geburt so voll. das leben. und zum ende auch.
ich spülte die gläser aus, dann wusch ich sie richtig ab. und meine frau trocknete sie. stellte sie weg. und ich leerte die ascher. schon wieder. hatte es banky nicht vorher auch schon mal getan?
„wohin damit?“, hatte banky mich gefragt.
und ich hatte gewußt wohin. und es auch gesagt.

- Autor -

Jürgen Landt

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