Veröffentlicht am 08 März 2016 10:54 - Feuilleton

Ryo Kikuchi im Gespräch - Ich möchte die Leute einmal zum Schweigen bringen

Ryo Kikuchi im Gespräch - Ich möchte die Leute einmal zum Schweigen bringen

Am 11.03.2016 jährt sich die Atomkatastrophe von Fukushima zum fünften Mal. Erik Münnich sprach mit Ryo Kikuchi, dessen Gedichtband „Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima“ am selben Tag erscheint, über die Katastrophe, die Auseinandersetzung mit ihr und die Möglichkeiten und Grenzen von Haikus.

 


Erik Münnich: Die Atomkatastrophe von Fukushima jährt sich am 11.03.2016 – an dem Tag, an dem auch Ihr Buch erscheint – zum fünften Mal. Was geht in Ihnen vor diesem Tag durch den Kopf? Wie fühlen Sie sich beim Gedanken an die Katastrophe?

Ryo Kikuchi:  Als ich im Sommer 2014 Fukushima besucht habe, habe ich einen Mann in einer temporären Siedlung kennengelernt. Er war Lastwagenfahrer von Beruf, aber arbeitete nicht mehr – vielleicht war er schon in Frührente gegangen. Er sah fit aus und war gut gelaunt. Er hat mir mehrere kleine geschnitzte Holzstiere gezeigt, die er gemacht hatte. Er hat das als Hobby angefangen, sich alles selbst beigebracht, nach seiner Umsiedlung. „Ich habe viel Zeit“, hat er gesagt und sanft gelacht. Die Begegnung war kurz – ich kenne seinen Namen nicht. Aber ich denke in letzter Zeit oft an ihn.
Derzeit bin ich sehr mit meiner Veröffentlichung beschäftigt. Ich gebe mir viel Mühe, sodass das Buch eine größtmögliche Leserschaft finden kann, sowohl in Deutschland, als auch in Japan. Für mich ist der Veröffentlichungstermin kein Tag für eine Party. Ich meine, er ist doch festlich, aber nicht fröhlich. Es ist für mich eher wie eine Trauerfeier. Es geht mir nicht nur um die Opfer in Fukushima oder woanders, sondern um etwas, das vor fünf Jahren an diesem Tag in mir – und in vielen – verloren gegangen ist. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich nehme es wahr, durch das Loch, das es in mir hinterlassen hat.

Erik Münnich: Sie waren zum Zeitpunkt des Unglücks in Japan. Wie haben Sie die Katastrophe wahrgenommen? Was war Ihr persönliches Schicksal?

Ryo Kikuchi: Am 11. März war ich in einem Büro im sechsten Stock eines Hochhauses in einem Geschäftsgebiet von Tokio, als das Erdbeben begann. Wir haben uns schnell unter dem Schreibtisch versteckt, wie wir es seit unserer Kindheit trainiert haben. Als die Bildschirme und Drucker heruntergefielen, wussten wir, dass es kein übliches Erdbeben war. Dann ging der Feueralarm los und wir haben über die Treppe das Gebäude verlassen. Draußen gab es schon viele Leute. Alle Menschen, die normalerweise in ihrem Büro mit ihren eigenen Sachen beschäftigt waren, sind rausgekommen. Und alle dachten wohl das gleiche: Das große Erdbeben ist endlich passiert … was jetzt? Ich und meine Kollegen waren am Anfang aber eher fröhlich, weil wir dachten, dass es nicht so schlimm verlaufen war, wie es hätte sein können. Wir dachten, wir könnten einfach früher nach Hause – es war Freitag und wir waren wie ignorante Schulkinder am Tag des Schneesturms. Dann hat eine Kollegin von mir, die aus Tohoku kommt, angefangen hat, zu weinen, weil sie gehört hat, dass das Erdbeben in Tohoku viel stärker gewesen war. Einige von uns haben auch Angst bekommen, weil sie herausgefunden hatten, dass das öffentliche Verkehrssystem – sonst auch nach Erdbeben fast immer in Ordnung – zum Erliegen gekommen war. Für viele Menschen war es nun schwierig, nach Hause zu kommen. Ich konnte zum Glück zu Fuß gehen, weil meine Wohnung in der Nähe des Büros lag. Zuhause habe ich angefangen, mit meiner Mutter fernzusehen – und dann erschienen mehr und mehr schreckliche Bilder. Zuerst die Live-Übertragung einer brennenden Stadt, dann die Tsunami-Welle, wie sie sich weiter und weiter ins Land fraß. Immer neue Berichte über die stetig wachsende Zahl von Toten und Vermissten und endlich die Bilder der zwei Explosionen in Fukushima. Meine Mutter und ich haben viel geredet, aber ich erinnere mich nicht, was wir gesagt haben. Wir waren eigentlich sprachlos, trotz des vielen Geredes, wie alle anderen Japaner damals auch.
Am Montag wurde ich mit meinen Kollegen nach West-Japan evakuiert, auf Anordnung der Geschäftsleitung am Hauptsitz der Firma in London. Die Firma hat für uns alle Einzelzimmer in einem Hotel in Osaka reserviert. Wir waren ca. einen Monat lang da. Nach zahlreichen Diskussionen über unsere Situation haben wir endlich aufgegeben, weiter darüber nachzudenken. Wir mussten eine Art existenzielle Entscheidung treffen – und zogen nach Tokio zurück. Es war ironisch, weil wir Strategieberater waren.

Erik Münnich: Mir scheint, als wäre die Katastrophe in der öffentlichen Wahrnehmung hier in Deutschland kaum noch gegenwärtig. Ist dies in Japan ähnlich? Wird sich mit dem Unglück und seinen Folgen öffentlich, in den Medien usw. auseinandergesetzt? Wird das Thema in der Literatur diskutiert bzw. dargestellt?

Ryo Kikuchi: In Japan wird die Katastrophe in Politik, Medien und Literatur – also in der Öffentlichkeit – diskutiert, vielleicht viel mehr als man es hier in Deutschland denken würde, aber definitiv weniger als man sich wünschen würde. Meiner Meinung nach ist das Problem eher, dass dabei trotzdem das Wesentliche oft verloren geht. Laut sind nicht nur die Stimmen der Regierung, der Atomlobby oder des Protests. Es ist vor allem der Lärm des Alltags. Sie alle, selbst die gut gemeinten Stimmen, übertönen im Grunde, was gehört werden muss. Darum geht es in meinem Buch: um Trauer. Ich möchte mit meinem Buch einmal die Leute zum Schweigen bringen. Dann versuchen wir gemeinsam, zu lauschen. Wie kann man sonst die Stimme der Verlorenen hören? Sie reden immer so leise.

Erik Münnich: Was gab den Anlass, dieses Unglück literarisch zu verarbeiten? Haben Sie von Anfang an eine Veröffentlichung in Deutschland gedacht? Was waren die Gründe, dieses Buch bei einem deutschen Verlag zu publizieren?

Ryo Kikuchi: Am Anfang wollte ich nur ein Gedicht schreiben, ein Gedicht über die Dichtung. Ich fing an: „Ich will kein Gedicht schreiben/Lieber will ich es finden …“ und so weiter. Dann, als ich schrieb: „Unsere Häuser sind in der Wüste/ In der Schneewüste“, kam plötzlich in mir „Im nuklearen Winter“ auf. Mit diesen Worten hat sich in mir ein Tor geöffnet zu einer Welt, die schon einige Zeit da war – eine komplette Landschaft. Das war sozusagen die Geburtsstunde meines Buches, das Gedicht „Ein Dichter im Winter“. Danach ging alles ziemlich schnell. Ich besuchte dieses neu entdeckte Land in mir – die Welt der SZfH – regelmäßig und schrieb Gedichte über diese Welt oder eher „in“ dieser Welt.
Von Anfang an habe ich nur auf Deutsch geschrieben. Ich glaube, das ist die Landessprache der Welt der SZfH. Außerdem ist diese Sprache – die Fremdsprache – auch vorteilhaft für mich als Autor eines provokativen Buches. In einer Fremdsprache zu dichten schützt und unterstützt mich, weil ich dadurch sowohl in Deutschland als auch in Japan ein Fremder sein kann. Wie es heißt: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Diese Aussage ist viel tiefer und vieldeutiger, als man denkt.

Erik Münnich: Wie der Titel „Schlechte Zeit für Haiku“ schon sagt, ist diese Textform häufiger anzutreffen. Sind die Gründe für die Wahl des Haiku traditioneller Natur oder was war sonst ausschlaggebend? Sind die durch die Textform gesetzten Grenzen nicht viel zu eng für die Verarbeitung eines solchen Unglücks?

Ryo Kikuchi: Man sagt, dass das klassische Haiku zwei Merkmale hat: Naturbezug und Skizzenhaftigkeit. Jedes klassische Haiku braucht ein Jahreszeitenwort wie „Kirschblumen“ oder „Schnee“. Dann kann man sich fragen: Kann man noch ein Haiku dichten, wenn es keine Jahreszeiten mehr gibt, im ewigen Grau des nuklearen Winters? Ich glaube, dass die klassischen Haiku-Dichter sich in ihrer Welt zuhause gefühlt haben. Unser „Dichter im Winter“ fühlt sich anders – und ich auch, in gewissem Maße. Ich glaube, mit der Atomkraft haben wir endlich bewiesen, dass wir nicht zur Natur gehören. In jedem Mythos werden solche Wesen wie wir als Götter – oder Ungeheuer, je nach Perspektive – bezeichnet.
Was die Skizzenhaftigkeit angeht, haben Sie Recht, dass Haikus einfach zu kurz sind. Nach einigen klassischen Haiku-Dichtern ist die Skizze jedoch das Hauptziel von Haikus. Es geht in meinem Buch um den Untergang einer Welt. Ein solches Phänomen ist aber komplex und braucht unbedingt eine systematische Bearbeitung. Mir fällt dabei z. B. „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“, ein Roman von Haruki Murakami, ein. Aber ich finde einen Gedichtzyklus in meinem Fall passender als literarisches Format, weil ich dabei ein größeres Sortiment von Werkzeugen verwenden und viel mehr Bilder schaffen kann. In meinem Buch gibt es viele Geschichten – viele Gesichter – und sie bekommen alle ihre eigenen Plätze, ihre eigene Stimme. Das geht in einem klassischen Roman nicht so einfach. Vielleicht ist das, was ich wollte ähnlich wie die Werke von Svetlana Alexievich. Meine Polyphonie wird aber gesungen im Theater der Dichtung, nicht aufgenommen mit dem getreuen Tonband. Ich brauche einen starken Verfremdungseffekt, weil ich etwas viel Abstrakteres und Archetypischeres darstellen möchte, nämlich den Weltuntergang durch Verseuchung per se. In gewisser Hinsicht finde ich mein Projekt einer Symphonie oder einem Liederzyklus ähnlich wie z. B. „Das Lied von der Erde“, aber mit ein bisschen Atonalität – Hoffnungslosigkeit – wie bei Wozzeck.

Erik Münnich: Haben Sie die Texte aus dem eigenen Inneren heraus entwickelt oder spielen Recherchen und die Erzählungen anderer Menschen eine Rolle? Wie schwer ist Ihnen die Arbeit an den Texten gefallen?

Ryo Kikuchi: In gewisser Hinsicht war mein kreativer Prozess ähnlich wie die Haiku-Dichtung. Der Hauptunterschied war, dass ich mich in die Welt der SZfH versetzt habe und dort geschrieben habe. Ein klassischer Haiku-Dichter der Edo-Zeit sah vielleicht den Mond zart leuchtend im Herbstregen, aber ich, als Dichter im ewigen Winter, sah ihn versteckt hinter Ascheregen. Die Eindrücke in der Welt der SZfH kamen manchmal verzerrt oder sporadisch, aber sie kamen häufig schon in Worten. Ich musste sie dann schnell und vorsichtig – zärtlich – einfangen. Gedichte kommen zu mir wie Schmetterlinge.
Manche Gedichte haben einen starken Bezug zur Realität, insbesondere die Gedichte im „Sommer“. Zum Beispiel ist das Gedicht „Wahre Hybris“ wirklich wahr – die Kathedrale von Nagasaki wurde von der Atombombe zerstört, während dort die Beichte abgenommen wurde.

Erik Münnich: Rechnen Sie mit negativen Auswirkungen in Japan durch Ihre Veröffentlichung? Warum bzw. warum nicht?

Ryo Kikuchi: Das wird sich noch zeigen. Aber ich glaube, als ein politischer Mensch betrachtet zu werden, ist in Japan nicht sehr zuträglich. Vor allem politische Aktivisten werden dort skeptisch gesehen. Wie penetrante Hausierer oder Sekten-Mitglieder. Ich sehe mich selbst eigentlich nicht als politischen Menschen. Ich bin ein religiöser Mensch und habe Mitgefühl mit den leidenden Menschen. Gleichzeitig schätze ich aber auch das Private und möchte oft lieber Ruhe haben, als meine Stimme zu erheben. In solchen Momenten fehlt es mir gewissermaßen an Mut und Hoffnung. Am Anfang wollte ich nur den Menschen meine Welt zeigen, weil sie mich so gefesselt hat. Aber als Ergebnis entstand ein Buch, das, wie mein Herausgeber Herr Dr. Buchmann sagt, sehr politisch ist. Ich fühle mich wirklich wie Jona. Ich erhebe doch meine Stimme, aber gezwungenermaßen. Meine eigene Stimme finde ich sowieso unwichtig. Wichtig ist aber die Stimme der Verlorenen. Wie die kleine Frau in „Der weiße Rücken“ oder die Kinder in „Das Tot-Spielen“ oder der Junge in „Mutant S“ oder der Ober in „Die Ewige Beilage“ und so weiter. In meinem Buch geht es nicht nur um Hiroshima, Nagasaki und Fukushima. Hinter all den Gesichtern in meinen Gedichten verstecken sich die vielen realen Leidenden unserer Welt, die nie zu Demonstrationen kommen, weil sie keine Hoffnung mehr haben. Wie der Mann, den ich am Anfang dieses Gesprächs erwähnt habe, der den ganzen Tag nur kleine Holztiere schnitzt. Solche Menschen existieren überall in der Welt, auch ohne Atom-Katastrophe. Die Menschen in der Politik – inklusive der Aktivisten – sollen für sie kämpfen. Aber das geht einfach nicht, ohne ihnen zuerst zuzuhören. Ich sehe das als meine Aufgabe als Dichter, zwischen beiden zu vermitteln.   
Erik Münnich: Sie werden Deutschland bald wieder verlassen. Was nehmen Sie mit und was werden Sie auf keinen Fall an Deutschland vermissen?

Ryo Kikuchi: Ich würde den deutschen Winter auf keinen Fall vermissen. In Tokio ist es auch kalt im Winter, aber es ist eher heiter und trocken. Hier ist es so dunkel und nass – so tot, sogar im sonst so sonnigen Freiburg. Als Grundschüler habe ich im Musikunterricht den „Erlkönig“ von Schubert gehört und habe ich mich seitdem gefragt, wer es war, der den armen kleinen Junge in den Armen seines Vaters so zu Tode quält. Jetzt weiß ich es endlich – der deutsche Winter!
Was ich mitnehme, ist vor allem die Sprache – die deutsche Sprache. Meine Frau und ich haben schon darüber gesprochen, dass wir in Japan auch weiterhin auf Deutsch reden möchten, insbesondere für die Kinder. Ich werde auch weiterhin auf Deutsch schreiben. Irgendwie fühle ich mich in der deutschen Sprache sehr zuhause. Obwohl ich nun also nach Japan zurückkehre, bleibt Deutschland deswegen meine Wahlheimat in diesem Sinne – egal, wo ich eigentlich wohne!


Über den Autor

Ryo Kikuchi wurde 1979 in Tokio geboren. Nach einem Studium der Philosophie an der University of Michigan war er Doktorand und Teaching Assistant beim Department of Philosophy an der Stanford University. Zum Zeitpunkt der Atomkatastrophe von Fukushima war der Autor Mitarbeiter im Tokioter Büro einer internationalen Unternehmensberatungsfirma. Später zog er nach Deutschland und studierte Caritaswissenschaft an der Universität Freiburg. Gegenwärtig wohnt er in Freiburg i. Br. mit seiner Frau und zwei Kindern.


Über das Buch

Nach den Explosionen im Atomkraftwerk Fukushima I mussten 2011 mehr als 100.000 Menschen aufgrund der enormen Strahlenbelastung ihre Heimat verlassen und wurden umgesiedelt. Weite Teile der Umgebung des Kraftwerks erklärte die Regierung zum Sperrgebiet. Bis heute ist der Verbleib der geschmolzenen Brennelemente unbekannt; die explodierten Meiler emittieren eine Strahlung, die inzwischen über die Grenzen Japans hinaus nachweisbar ist.

Inmitten des Schweigens, das sich weltweit über die Folgen der dreifachen Kernschmelze in Fukushima breitet, hat der in Europa lebende japanische Autor Ryo Kikuchi mit "Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima" eine der wenigen Stimmen erhoben, in denen Angst, Schmerz und Trauer der Betroffenen eine Sprache finden. Ohne Zweifel gehört Kikuchis düsteres und suggestives Memento zu den wichtigsten Veröffentlichungen im fünften Jahr der nuklearen Katastrophe.

"Die Erde bebt, die Kamera schwankt. Der Rauch steigt auf, das Schicksal ist entschieden."

Ryo Kikuchi: Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima
(Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Jürgen Buchmann)
Erscheinungsdatum: 11.03.2016
146 Seiten; 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-943672-84-8
14,95 EUR (D)

 

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