Veröffentlicht am 23 Dezember 2013 06:00 - Musik, Talkin My Blues

Jobcenter Blues: Blues und Arbeitslosigkeit

Ich kenne das Gefühl pleite zu sein. Ich hoffe, uns beiden geht es im nächsten Jahr besser. Das schrieb ein befreundeter Musiker auf meine Bemerkung, ich könne es mir im Moment nicht leisten, sein neues CD Projekt finanziell zu unterstützen. Das Gefühl, ständig pleite zu sein oder kurz vor dem Bankrott zu stehen, begleitet Bluessänger schon seit Beginn dieser Musik. Nur die wenigsten Künstler können wirklich von ihrer Musik leben. Von idealistischen Journalisten, die aus Liebe zu dieser Musik viel Zeit investieren, ganz zu schweigen.
Jobcenter Blues: Blues und Arbeitslosigkeit

Der Song, der meine Lage zur Zeit am besten umschreibt, kommt von dem in Berlin ansässigen Trio Black Kat & Kittens. In ihrem „Jobcenter Blues“ umschreiben sie genau das Gefühl, was mich selbst immer wieder überkommt, wenn der Kontostand den Gang zum Amt mal wieder unausweichlich macht. Das Gefühl, sich vor den Angestellten demütigen zu müssen, die Lage schonungslos offenzulegen. Und nicht zu wissen, ob denn die Anträge so schnell bearbeitet werden, dass man nicht hoffnungslos in die Verschuldung gerät. Klar, die normalen Sachbearbeiter in diesen Ämtern, mit denen ich es bislang zu tun hatte, waren alle irgendwie engagiert und zuvorkommend. Woher immer wieder die verzögernden Nachforderungen oder Nachfragen kamen, war mir nie ganz klar. Doch genau das: vom Wohlwollen anderer abhängig zu sein, ist zutiefst erniedrigend. Es ist schlecht für‘s Selbstbewusstsein.

JOB CENTER BLUES
My rents always late
I can‘t find no work
Temptations in my way
But I just gotta pray
 
Oh lord won‘t you save me (Save me)
From my fate
Oh lord won‘t you save me
From my fate
 
I  got the jobcenter blues
Don‘t wanna walk in my shoes
 
Trying to  convince myself
Everythings ok
End of the month blues creeping in
Standing in my way
 
Oh lord won‘t you save me (Save me)
From my fate
Oh lord won‘t you save me
From my fate
 
Only that devil knows
Exactly where I‘m at
I‘m sinking deeper
Into the spiders horrible trap
 
Oh lord won‘t you save me (Save me)
From my fate
Oh lord won‘t you save me
From my fate
 
I  got the jobcenter blues
Don‘t wanna walk in my shoes
 
Lorraine Lowe and Adam Sikora © 2013 all rights reserved.
Marshall Lawrence hat mit seinem „Factory Closing Blues“ ein ähnliches Gefühl geschildert: Die Fabrik schließt. Und damit ist für den Betroffenen der unbefangene Blick in die Zukunft verbaut: Das Essen wird knapp, irgendwann kommt der Hunger. Und wenn dann selbst der Pfarrer nicht von seinen Phrasen lassen kann, bleibt manchem nur der Selbstmord als radikaler Ausweg. Wie dieses Gefühl des schleichenden Sterbens im Call und Response zwischen Vorsänger und Chor musikalisch geschildert wird, das ist einserseits natürlich ganz nah dran am uralten Blues oder besser noch: der Zeit vor dem Blues. Aber gleichzeitig wird hier das Schicksal des Einzelnen auch als Schicksal der ganzen Gemeinde, die von der Krise betroffen ist, geschildert. Die Fabrik schließt - und es stirbt nicht nur die Hoffnung des einzelnen Arbeitslosen, letztlich sterben ganze Ortschaften. Was zurückbleibt sind Totenstädte. Oder besser: Orte, wo Menschen jegliche Hoffnungen verloren haben. Doch - und sowohl als Bluesman als auch als Psychologe ist das Lawrence bewusst: Der Blues in seiner ursprünglichen Form führt nicht in die Depression, sondern aus ihr heraus. Der Bluessänger teilt mit den Hörern die gemeinsame Erfahrung. Und dies gibt ihm und den Hörern Kraft, um die harten Zeiten zu überstehen.

 

Factory Closing Blues
Lord these factory closing blues are slowly killing me right now
 
Well I woke up this morning, Lord those factory gates were closed
Woke up this morning, the factory gates were closed
Well I woke up this morning, Lord those factory gates were closed
Woke up this morning, the factory gates were closed
Well the boss man told me, “Son, you better get on back home”
 
Well I looked in my cupboard, there was no food in my house
Looked in my cupboard, there was no food in my house
Well I looked in my fridgerator, there was no food in my house
Looked in my cupboard there was no food in my house
I felt as hungry as a little old church mouse
 
Lord these factory closing blues are slowly killing me right now
Lord these factory closing blues are slowly killing me right now
 
Well I visit my Preacher, I asked him what I’m gonna do?
Went to my Preacher for him to tell me what to do
Well I visit my Preacher, I asked him what I’m gonna do?
Went to my Preacher for him to tell me what to do
He said get on your knees boy and ask the Lord to forgive you
 
I’m gonna jump in the river, I’m gonna leave this vale of tears
Jump in the river, gonna leave this vale of tears
I’m gonna jump in the river, I’m gonna leave this vale of tears
Jump in the river, gonna leave this vale of tears
I’m gonna sit right down next to Jesus, He’s gonna sort out all my fears
 
Lord these factory closing blues are slowly killing me right now
Lord these factory closing blues are slowly killing me right now
 
© Marshall Lawrence
 
Nicht immer ist es die Krise, die den Menschen seine Arbeit verlieren lässt. Manchmal sind es solch absurde Zufälle, wie der, von dem Allen Vega in dem 2012 entstandenen „Jobless“ erzählt. Doch die Folgen sind letztlich die gleichen: Mit der Arbeit verschwindet nicht nur das Geld. Beziehungen zerbrechen, letztlich droht der völlige Absturz in Obdachlosigkeit und Alkohol.
Jobless
 
Got a number from the bathroom wall
Thought it over and gave her a call
She was a little bit larger then life
How was I to know she‘s my bosses wife
 
Chorus:
Now I‘m jobless (shout chorus) unemployed 
I‘m jobless (shout chorus) ain‘t got no job
Cause I‘m jobless and lookin‘ for work right now
 
I just spent my last 25 cents and my car has been repossessed 
My women left me for another man now I‘m on the streets just doin‘ what I can
 
(Repeat Chorus)
 
Shared a bottle with a bum on the street
Woke up with no shoes on my feet
My legs were aching and my belly was thin
Man I wish I woulda‘ never drank that gin
 
(Repeat chorus and last verse)
© Allen Vega 2012
Für viele Bluesmusiker oder Musiker allgemein ist es heute fast unmöglich, von ihrer Kunst zu leben: Immer weniger Clubs existieren. Und oft bieten die noch bestehenden keine Gage mehr an sondern verschieben das wirtschaftliche Risiko der Konzerte auf die Künstler, die gegen den Eintritt oder gar „den Hut“ spielen, also um das Geld, das die Besucher freiwillig zu zahlen bereit sind. Damit ist eine langfristige Lebensplanung kaum noch möglich. Und somit droht die Musik zum Hobby oder zum Zweitjob zu werden. In Dave Watkins‘ Interviewserie „Zehn Fragen an“ konnte man schon von den verschiedensten Tätigkeiten lesen, die Künstler ausübten, um ihre Karriere als Musiker zu unterstützen. Der Weg zum Jobcenter ist dann hierzulande die Lösung, die einen wenigstens vor dem kompletten Absturz in Hunger und Obdachlosigkeit schützen kann. Und hier treffen Musiker und freie Journalisten, die über sie schreiben ebenso zwangsläufig aufeinander wie bei Festivals oder Konzerten. Der „Jobcenter Blues“ hat sie beide erwischt.


Schon in der Wirtschaftskrise der 30er Jahre wurde die vergebliche Suche nach Arbeit im Blues immer wieder thematisiert.

It‘s hard time here hard time everywhere.
I went down to the factory
where I worked for years,
And the bossman told me
that I ain‘t comin‘ here no more.

Der Bluessänger J.D. Short schnappte diese Geschichte 1933 in einer Schlange von Arbeitslosen in St. Louis auf. Im Süden breitete sich die neue Armut zwar langsamer, aber mit den gleichen katastrophalen Folgen aus: Die eine Zeitlang künstlich hochgehaltenen Baumwollpreise purzelten steil nach unten. Da ist die Situation, wie sie Barbecue Bob in Atlanta schildert, ähnlich wie die von Short:

You heard about a job,
Now you is on your way,
Twenty men‘s after the same old job,
all in the same old day.
Hard Times, hard times,
we sure got hard times now...
Lard and bacon
gone to a dollar a pound,
Cotton had started to sellin‘
but it keeps going down and down.

In Birmingham (Alabama} begann die Plattenkarriere des Pianisten Walter Roland mit der Aufnahme des „Red Cross Blues“: Es geht um das Gefühl der Erniedrigung, sich um milde Gaben bemühen zu müssen. Aber unterschwellig soll das Stück auch die Angst beschrieben haben, dass Hilfsstationen des Roten Kreuzes nur verdeckte Rekrutierungsbüros der Armee seien. Und für viele galt damals: Hungern ist besser als Wehrdienst.

Me and my girl talked last night
and we done talked for hours,
She wanted me to go to that Red Cross store
and get a sack of that Red Cross flour
I told her no!
Woman, I sure don‘t wanna go ...

Obwohl die Bluesmusiker ihren Beruf häufig deshalb wählten, damit sie nicht auf der Farm oder in der Fabrik arbeiten mußten, wurden auch sie von der Wirtschaftskrise heimgesucht: Sie nahm ihnen ihr zahlendes Publikum. Einige flüchteten sich in bitteren - im wahrsten Sinne des Wortes „schwarzen“ Humor, wie z.B. der aus St. Louis stammende Sänger und Gitarrist Charley Jordan in seinem „Starvation Blues“ aus dem Jahre 1931 :

Well I used to eat cake, Baby,
but now I have to eat combread,
And I would rather be sleepin‘ in some graveyard dead
Now I almost had a square meal the other day,
But the garbage man come and he moved the can away.

Sänger wie Jordan und Roland waren noch gut dran: Sie hatten überhaupt die Möglichkeit, ihre Gedanken einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Die Plattenindustrie lag darnieder. Künstler, die vor der Krise von ihren neuen Platten zehntausende verkauft hatten, mussten sich mit Auflagen im dreistelligen Bereich zufrieden geben. Und neuen Künstlern gaben die Labels es recht keine Chance. 1931 hatten sie die „Field-Recording Programme“ in den Südstaaten aufgegeben, und 1933 waren sogar die Studios in New York und Chicago selten ausgelastet.
Mit dem „New Deal“ änderte sich die Lage langsam, auch für die Musiker. Gerade Arbeitsbeschaffungsprogramme wie die der Public Works Administration (PWA) oder der Organisation zur Beschaffung von Arbeitsplätzen WPA gaben vor allem den Schwarzen endlich wieder die Möglichkeit, mit Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das schlug sich auch in einigen Bluestexten nieder. So sang Jimmie Gordon:

Lord, Mr. President
Listen to what I‘m going to say
you can take away all the alphabet,
But please leave the PWA

Und auch Big Bill Broonzy sang der WPA im „WPA Rag“ ein Loblied. Doch nicht alle waren so euphorisch. Denn im Rahmen der öffentlichen Arbeiten in den Städten, wurden zahlreiche herunter gekommene Wohngebiete abgerissen. Und betroffen waren hiervon vor allem die Schwarzen. Und auch wenn man einen Job bei der WPA bekam, hieß das nicht, dass der Lohn immer rechtzeitig gezahlt wurde. So klagt Peetie Wheatstraw:

I‘m working on the project,
Trying to make both ends meet
But the payday is so long
Until the grocery man won‘t let me eat

Auch wenn immer wieder die Bedeutung der Bluessänger als Kommentatoren des Zeitgeschehens betont wird: Derartige politische Lieder sind unter den vielen Aufnahmen schon damals die Ausnahmen gewesen. Politische Lieder, Blues oder nicht, werden nur in den seltensten Fällen zu Hits. Und daher werden sie auch nur selten veröffentlicht. Und noch seltener werden sie dann auch im normalen Radio gespielt.  

- Autor -

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