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Veröffentlicht am 25 Februar 2013 18:05 - Lyrik, Bücher

Jenny Feuerstein, Lyriklos: Gedichte und Fotografien

silbende kunst 2013 ISBN: 978-3000411168 VÖ.: 13. März 2013

Jenny Feuerstein, Lyriklos: Gedichte und Fotografien

Seit 2010 erscheint in Köln eine Literaturzeitschrift mit dem schönen Namen silbende_kunst und dem ebenso schönen Motto „betont unbetont“. Tatsächlich sind die einzelnen Hefte im Format Din-A-5 unbetont, d.h. erfrischend unprätentiös, haben aber dennoch eine ganz eigene Erscheinung, denn die Herausgeberin der Zeitschrift, Jenny Feuerstein ist nicht nur Lyrikerin (sie debütierte 2007 mit dem Band „In meiner Tasche aus Gedanken“), sie ist auch Graphikerin und verleiht den einzelnen Bänden eine ganz individuelle Handschrift.


Nun erscheint mit „Lyriklos“ unter dem Label silbende_kunst ein Einzelband mit Gedichten und Photographien von Jenny Feuerstein. Das weckt Neugier und kaum habe ich das Buch aus Briefkasten genommen, lese ich es auch sogleich von vorn bis hinten durch. Die Gedichte erzählen die Geschichte eines Verlustes, das wird sogleich im ersten Stück des Bandes deutlich:


Lilien/Rosen

Ich schreibe nicht mehr
von Lilien / Rosen.
Ich sitze verschwiegen
im roten RE.
Ich fahre mit dir
in die düstere Stadt.
Ich schreibe nicht mehr
am dunkelnden Abend.

Ich schreibe nicht mehr,
am Dunkelnden / Abend,
von Liebe. Ich Lilie,
ich lasse den Park
aus. Ich fahre mit dir
in den Wochenendwald,

ins Farbenlose
einer Stadt.

Ich schreibe nicht mehr
von Lilien / Rosen.
Ich sitze verschwiegen
im roten RE.

Erzählt wird vom Ende zum Anfang hin, von der Sprach- und Farbenlosigkeit der Stadt bis zu den verheißungsvollen „Poetenarmen“ einer naturverbundenen Kindheit. Jedes der vier Kapitel des Bandes zeigt dabei ganz eigene Aspekte des Verlierens und Fehlens von Etwas, und so schließe ich eine zweite Lektüre, Kapitel für Kapitel, an.
„Ins Farbenlose einer Stadt“ berichtet von Vereinsamung in einer Situation, in die allein das Eisenbahnrot ein bisschen Hoffnung – und sei es nur auf einen Besuch im Wochenendwald – bringt.

Blaue Stadt
I
Was heißt das: im Blaumann?
Die Arbeit in Schichten?
Du fährst blass in den Morgen,
auf einem Zeitungspapier.

Dein Haus: am Horizont
verschachtelte
Balkone.
Du

fährst blind dafür
den Fuß auf einem Stück

Papier.

In „In einem stummfilmischen Schatten“ ist es das Fehlen von Kommunikation; die Gedichte beobachten hier genau Situationen, in denen ein Sprechen nicht stattfinden kann.

Budapest Westend

Metroshopping Untertage,
wo die Nylonstrumpf-
verkäuferin

ein Traumamädchen
- ungekämmt - ,
ihr Lachen

so ein Solo-
lachen.
In einem stumm-

filmischen Schatten.

Eine Person ist es, die im dritten Kapitel „Noch einmal der Wind“ fehlt, das von einem verlorengegangenen wir (woran / wir verloren gegangen sind) spricht.

Auf einem Spiegelschrank
sah es aus: Die Wimpern-
paare im Staub.
Kein Atmen
in der Stille zwischen Fliesen.
Kein Flüstern
fiel.
Du bandst dir den Schal um,
mit einem Albtraumgefühl.

Wie die Photos des Bandes, sind diese Gedichte Nahaufnahmen, die immer auch von dem sprechen, was wir nicht und nicht mehr sehen. Feuersteins Sprache bleibt dabei lakonisch, spröde manchmal und lädt zu genauem Hinhören ein. Und auch die Gedichte des vierten Teils „Ein Satz von Wiese“ zeichnen solche kleinen Bilder von großer Schönheit. Eine Kindheit wird beschworen, offensichtlich fern der farbenlosen Stadt; doch auch hier ahnt man immer eine Bedrohung und einen Verlust.

Hortensien

Die Laute hing da und die Lampe,
wie immer.
Der Großvater machte uns Licht.
Der Großvater hatte mit trauriger Hand
ein Lied notiert auf einen Zeitungsrand.
Die Laute hing da und die Lampe,
wie immer.
Der Großvater machte uns Licht.
Die Großmutter machte ein Fenster auf.
Ein Rascheln ging
durch die Hortensien.
Das auf den Zeitungsrand notierte Lied ist nicht nur ein herrliches Bild, es leitet den Leser auch zurück zum Zeitungsblatt am Boden des Vorortzuges in Blaue Stadt I. Und so beginne ich eine dritte Lesung, diesmal den Hinweisen der Texte selbst folgend. Vom schwarzen Haar in „Orkan“ zurück zu den schwarzen Fragen in „Noch einmal der Wind“ etwa. Vom Wochenendwald zum Wald der Kindheit:

Zurückschauen

Zurückschauen in einen Wald, fahrigen Wald.
Insektenwirre, schwarze Schleier.

Zurückschaudern

auf einem Weg. Wir cremten uns den Mückentod
über die schwitzenden Arme.

Poetenarme.

Zurückschauend: die Stämme der Birken.
Ein Bild hing im Schuppen der Eltern, von diesen

Birken. Zurückschauend
und schaudern,
dass ich an den Bilderrahmen rührte,
während über mir

das Wespennest –

Schauen und schaudern: Ein Photo gibt es in dem Band, da schaut man über die Schultern der Zuschauer auf eine Zirkusmanege; und während ich noch schaue, bemerke ich mit schaudern, dass mich aus der linken Bildhälfte ein maskenhaftes Gesicht anschaut. Ein ähnliches Hin- und Her von Blicken in einem anderen Bild: da spiegelt sich ein Plakat von Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring im Fenster eines Busses vor einem Bahnhofsgebäude. Passanten laufen daran vorbei und es bleibt unklar, ob man schaut oder angeschaut wird. Und auch hier spielt Feuerstein mit den Richtungen des Blickes:

Gartenbier
I
Ob du noch da warst: Vielleicht
in deinem Taschenspiegel.
Zogst deine Lippen unter dem Baum
ins Blut-
buchenrote.

Gartenbier
II
Das passte sich gut:
der schwatzlastige Nachbartisch
und dein schwarz-
lastiges Bier
vor deinen Cowboyjeans.

Zogst einen Spiegel-
revolver.
Für jemanden, der sich auf diese Bezüge zwischen den Texten / den Texten und den Bildern einlässt, gibt es viel zu entdecken in dem Band, dem ich viele Leser, und den ich vielen Lesern wünsche.

- Autor -

Dirk Uwe Hansen

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