Diese Seite benutzt Cookies, um uns helfen, die Qualität der Dienstleistungen. verbessern.

Veröffentlicht am 28 Januar 2013 15:43 - Sail Away, Bücher

Letzte Reisen in Eis und Krieg

Otto Emersleben - Der Streit um den Nordpol

Letzte Reisen in Eis und Krieg

Als 1909 gleich zwei Forscher behaupteten, unabhängig voneinander den Nordpol erreicht zu haben, begann damit ein Streit, der bis heute noch nicht wirklich entschieden ist. Weder der von deutschen Auswanderern abstammende [[Frederick Cook]] noch [[Robert Edwin Peary]] konnten wirklich überzeugend nachweissen, am Pol gewesen zu sein. Dieser Streit bildet den Ausgangspunkt von gleich zwei Romanen des seit den 90er Jahren in den USA lebenden Otto Emersleben. 


Der Autor, derauch schon die erste deutschsprachive Biografie über Peary veröffentlichte, hatte 2003 in „In den Schründen der Arktis“ erstmals diese damalige Debatte in Bezug zu den Reiseerzählungen von Karl May gesetzt. Der Reiz von „In den Schründen der Arktis“ und der zum Karl-May-Jahr 2012 lediglich als ebook ersschienenen Fortsetzung „Der Streit um den Nordpol“ liegt allerdings weniger in den historisch korrekten Recherche der Nordpolarforschung. Nein: Emersleben hat hier - sprachlich reizvoll und von einer überbordenden Fabulierlust getrieben - den Stoff als letzte Reisen von Karl May geschildert.

Karl May als erster am Nordpol? Der Trivialliterat, einst entweder geschmäht als Verderber der Jugend oder gefeiert vor allem für sein symbolistisch aufgeladenes Spätwerk verheddert sich als Erzähler zwischen großen Intrigen, seinen eigenen Ansprüchen der Entwicklung der „Edelmenschen“ nach dem Vorbild des großen Winnetou, getrieben von Journalisten und seinen gierigen Erben. Wenig ist geblieben vom großen Old Shatterhand, auf wenn May noch immer im Ernstfall seine Hand die Gegener niederschmettern kann. Doch es ist zu Ende mit den freien und wilden Zeiten im Westen oder im Orient: Überall macht sich der geldgierige Imperialismus der Industrienationen breit. Die als Helden öffentlich gefeierten Polarforscher sind geldgierige Betrüger. Der Pol als Ticket zum Reichtum - all das ekelt den alt gewordenen May. Er selbst, verkleidet als Eskimo macht sich auf den Weg, als Peary schon zum Rückzug geblasen hat, nachdem er irgendwo einfach Fotos machte und den Punkt als Nordpol definierte. Aber niemand soll von May seinen Ausflug erfahren. Doch er kann sich dem Getriebe nicht entziehen.

Forschungsgeschichte und Skandale sind ein treffliches Mittel für faszinierende Unterhaltungsliteratur in einer Zeit, wo Betrügereien um Promotionen ebenso die Schlagzeilen bestimmen wie die immer weiter zurück gehenden Eispanzer in der Arktis durch die Klimakatastrophe. Aber Karl May als Hauptfigur? Schon zu Lebzeiten gab es Versuche, Old Shatterhand und anderer seiner Figuren in eigene Geschichten einzubauen. Autoren versuchten sich an Fortsetzungen von Romanen oder schufen sie ganz neu. Heute gibt es ganze Verlage, die ihr Geld mit neuen Erzählungen um Winnetou und Old Shatterhand verdienen und das Erbe Mays ausschlachten.
Hier geht Emersleben einen wichtigen Schritt weiter. Nicht die klassischen Romane stehen im Mittelpunkt, sondern das Leben des alt gewordenen May, der in der deutschen Öffentlichkeit immer heftigeren Schmähattacken ausgesetzt war und der sich von der reinen Abenteuerliteratur fortentwickelt hatte und statt dessen symbolisch überladene Geschichten verfasste, die vor allem bei den „ernsthaften“ May-Fans der Gegenwart immer neuen Deutungen unterzogen werden, denen aber der einfache und humorvolle Stil vom „Schatz im Silbersee“ oder „Durch die Wüste“ abgeht.

„Der Streit um den Nordpol“ hat eigentlich alles, was man für einen unterhaltsamen und gleichzeitig intelligenten Schmöker braucht: Einen historischen Skandal, korrekte biografische Details, Karl May im Kampf gegen die feindliche Presse - und hier aberwitzige Wendungen in der Romanhandlung: Intrigen, Abenteuer, Kulturkritik und die Sehnsucht nach einer besseren Welt angesichts einer Welt, der sich der Held nicht mehr zu Recht finden kann und der er scließlich nur im Tode entkommen kann. Denn es zieht nicht nur der erste Weltkrieg immer drohender am Horizont auf. Auch die Schrecken der Zeit danach, deuten sich in Begegnungen mit Zeitgenossen immer deutlicher an. Mays Traum von einer Welt von Edelmenschen - er interessiert kaum noch jemanden. Karl May‘s letzte Tage - im realen Leben wie im Roman sind Tage der Desillusionierung und des Rückzugs, Tage des Zerbrechens von Träumen.
Wer zuerst am Nordpol war, ist nicht wirklich zu klären. Und warum sollte es nicht der sächsische Meistererzähler gewesen sein?
Wobei ich ich hier als erklärter May-Fan bei allem diebischen Vergnügen auch etwas Kritik äußern muss: Was dem „Streit um den Nordpol“ fehlt, ist ein gründlicheres Lektorat. Zu viele Schreibfehler und holprige Formulierungen reißen einen immer wieder aus der Geschichte heraus.

Und an manchen Stellen gingen Emersleben wohl die Rappen seiner Phantasie einfach durch: Flüge im UFO sind für die Story nicht wirklich nötig. Und auch die Seelenflüge mit der Inuit-Schamanin wirken in dem Zusammenhang zu konstruiert. Bei May konnte man sich als Leser eigentlich immer drauf verlassen, dass im Rahmen der abgesteckten Erzählwelt für alles logische Erklärungen gefunden wurden. Wenn religiöse Fragen aufgeworfen wurden, dann suchte May die Antworten darauf niemals im außerchristlich-esoterischen Umfeld sondern im Rahmen seines christlichen Glaubens. Das jedenfalls ist die feste Meinung eines überzeugten Nörglers.


 

- Autor -

Nathan Nörgel

Amazon

Das Magazin Wasser Prawda  (Inhaber Andreas Kaufeldt) ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon Europe S.à r.l. und Partner des Werbeprogramms, das zur Bereitstellung eines Mediums für Websites konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.co.uk / Javari.co.uk / Amazon.de / Amazon.fr / Javari.fr / Amazon.it Werbekostenerstattungen verdient werden.