Diese Seite benutzt Cookies, um uns helfen, die Qualität der Dienstleistungen. verbessern.

Veröffentlicht am 14 Oktober 2014 08:52 - Feuilleton, Sprachraum

ein den festbetrag übersteigender betrag der abgehustet dennoch in ihm klumpt

UNTERM SAFT GEHT'S WEITER / 101

ein den festbetrag übersteigender betrag der abgehustet dennoch in ihm klumpt

sterne. wie abgedroschen. und doch der kopf so voll von ihnen. ihre ableger legen den menschen ab, und der mann spürte einen durchsternten verwandtschaftsgrad, wußte jedoch nicht welchen grades. war er ein neffencousin oder eine nichtenbase? wie sollte man das allformiertverklumpte in sich als allableger nennen, staubschwestergroßmutter oder großvatercousine? waren seine eltern womöglich geschwister, überreste aus einer gemeinsamen, einer verbundenen umlaufbahn? hatten sie sich deshalb zusammengeklumpt? ein zweites mal nach der geburt seiner schwester? wußten sie bescheid? und dieser ewige streit zwischen den beiden? stritten sie sich deshalb über jahrzehnte hindurch, weil sie bescheid wußten? und seine eigene frau? auch eine schwester? deshalb täglich der verklumpte kopf? streß, weil man sich nicht mehr voneinander lösen konnte? wie denn auch, wenn sie zusammengehörten, wenn ihr staub auch sein staub war, kein auseinandersaugen driften ließ, um an einem nächsten verwandten kleben bleiben zu können.

„wir sind alle miteinander verwandt“, sagte der mann zu seiner frau, „deshalb ist es auch so schwer, sich voneinander zu lösen, dieser allstaub haftet in jedem, und je nach klebstoff, den wir nicht kennen und nicht lösen, nicht auseinanderleimen und nie werden auseinandernehmen können, verklumpt man miteinander und in sich selbst, auch wenn ich jetzt in die küche gehe oder du dir morgen deine strammen waden von jemand anderem massieren läßt, die verklumpung ist allgegenwärtig, man sollte einfach stillstehen und sich in die rinde eines baumes einwachsen lassen. natürlich ist ein baum auch ein mit uns allverwandtes seingewächs, aber man hat dann die chance, hin und wieder ein paar knospen oder blüten an sich entstehen zu lassen und mit den abgeworfenen blättern einen komposthaufen höher zu schichten, jemandem somit eine freude zu bereiten, dadurch wächst vielleicht etwas anderes wieder intensiver und läßt einen bruchteil des alls, all die geschwister besser aussehen, nahrhafter und auch nahbarer werden, nachbarschaft intensiver gedeihen, bis die nachbargeschwister und verwandten einen in die nächste verwandtschaftsschleife einbinden, wieder ohne daß man weiß, welcher grad einer verwandtschaft das ist, selbst wenn man seine zuvor scharfsinnig geschnittene trennlinie für immer ins innere geritzt bekommen hat und grate sich dabei gänzlichst abgefeilt und verloren vorkommen, ohne daß es jemals rauszubekommen wäre warum und wie. alles grauäugig, grätig und gratis, allverwandte gratisaktien, gratisaktien allverwandt, aus irgendetwas bestehend und einer kraft, die kein verwandter kennt, die uns treibt, als kenne das all, als kenne sie keine verwandten.“

„du denkst wieder mal ein bißchen kompliziert, oder? redest und redest. man kann im all, um mal bei deinem allkram zu bleiben, alles, aber auch wirklich alles viel einfacher haben, muß sich tot nur irgendwo frühzeitig abseits legen und sich nicht ein leben lang durch ein gewerbe oder einen berufsstand ausbrennen lassen“, löste seine frau ihre in falten getriebene stirn und versuchte im letzten satz zu lächeln.

„das sowieso, hab jetzt dreißig jahre keinen arbeitgeber mehr gehabt und mein scherzartikelgewerbe liegt auch schon lange auf eis, also ich glaub nicht, daß man wenn man auf dem rost liegt nichts mehr spürt. der körper ist vielleicht tot, abgestorben, aber das was eine seele ausmacht, ist noch nicht hinüber, dafür bestehen wir aus zu vielen unbekannten verbindungen, eins ist nicht gleich tot mit dem anderen, eins ist nicht gleich eins mit einem.“

„eins und eins sind zwei. und das ist eine verläßliche größe“, sagte seine frau, „kannst du nicht mal das thema wechseln, mir wird ganz komisch, ich glaube ja auch, daß auf dem rost noch nicht alles gänzlichst vorbei ist, wenn dieses feuer an uns frißt, einem von außen das tote fleisch vernichtet.“

„ja, und wenn ich so darüber nachdenke, ist man ja auch ein verwandter des feuers. feuer hat ja erst das sein ermöglicht, feuer hat uns von dort nach hier getrennt und doch verwandt gelassen.“

„hörst du jetzt mal bitte auf damit?“, sagte seine frau noch einmal.

der mann hörte auf, spürte seine frau dennoch als schwester und mit sich verwandt. wieso sonst kam es ständig zu all den missverständnissen zwischen ihnen? doch nicht, wenn man nicht verwandt miteinander war. war sie seine seinstaub staubverwandte tante oder eine großneffenbase, ein großtantenonkel? wenn sie nicht so nah miteinander aus dem all verwandt wären, warum sollten sie sich dann missverstehen? verwandtschaftslos hätte man themen, könnte sich austauschen über dinge, die nicht im all bekannt, nicht allbekannt unter verwandten wären, sie könnten andere dinge tun, als die dinge, die sich verwandte immer wieder antaten. doch wie ließ man sich ab, wenn man verwandt war? nicht, indem man sich zu speichen auf einer fahrradfelge flocht oder anderen ärschen sattel bot um sich wund scheuern zu lassen. vielleicht sollte man sattellos rollen, keinen fahrgast auf seinen ungeschützten emporragenden sattelhalter klettern lassen, einfach führerlos lenkstangenbloß grifffrei durch die gegend rollen, sich ab und an den weg freiklingeln, damit man niemanden überfuhr, sich dennoch einem ampelverkehr unterwerfen und bei farbenwechsel rechtzeitig bremsen und durchdenklenkend niemals undurchdachtgelenkt oder undurchlenktgedacht anhalten?

woher sollte er das wissen? er bestand aus blutigem staub, doch der staub floß durch ihn, ließ sein mit allem allverwandtes herz schlagen, seine synapsen glühen, seine synapsenübertragungen ihn ausschalten.

der mann bremste, obwohl er sich nicht bremsen wollte. wer zog an diesem strang, an dem bremskabel in seinem kopf? der mitgegeben allverwandte im oberen des lenkerhalses? vielleicht war alles nur durcheinandergespürtgedacht oder gedachtdurcheinandergespürt, aneinanderdurchdachtgespürt, gedachtaneinanderdurchgespürt? aderndurchführt durchgefühltes? so wird es sein, spürte der mann, mitgegeben, gelenkt mitgegeben und er dachte: aber warum wundern sich dann all die allverwandten, wenn sie dieselben namen spüren und warum lehnt die krankenkasse trotzdem seinen antrag auf kostenübernahme im durchgedachtgespürtbeieinadersein ab?

und ihm knirschten nicht nur schädelknochen und zähne, sondern ein bißchen wohl auch schon gelenke.

Amazon

Das Magazin Wasser Prawda  (Inhaber Andreas Kaufeldt) ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon Europe S.à r.l. und Partner des Werbeprogramms, das zur Bereitstellung eines Mediums für Websites konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.co.uk / Javari.co.uk / Amazon.de / Amazon.fr / Javari.fr / Amazon.it Werbekostenerstattungen verdient werden.