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Veröffentlicht am 20 August 2012 17:28 - Feuilleton, Sprachraum

Ich verstehe nichts vom Monsun (Auszüge)

Ich verstehe nichts vom Monsun (Auszüge)
Erik Münnich: Im September dieses Jahres erscheint im Greifswalder freiraum-verlag ein neues Buch von dir: „Ich verstehe nichts vom Monsun“. Auf den ersten Blick ein langes Gedicht, trotzdem hast Du es mit „Erzählung“ betitelt. Warum nicht mit „Lyrik“?

Silke Peters: Ich weiß im Moment leider nicht, was ein Gedicht ist. Als ich mein erstes Langgedicht schrieb, merkte ich bei den Lesern, dass sie eine Geschichte beim Lesen konstruieren. Eine Erzählung macht ja glücklich, auch wenn sie eine Lüge ist. Es bleibt also beim Leser, diese Arbeit, diese Erzählung, für sich entstehen zu lassen, wenn sie die Gattungsbezeichnung so ernst nehmen, wie sie sich gedruckt benimmt und er sich mit seiner eigenen Illusionsfähigkeit plagt.


Die Nacht und der Schnee. Die Postkarte kommt immer noch
an. Dieses Dorf ist getarnt eine beleuchtete Sache. Die Scheibe
der Mondfinsternis schiebt sich vor. In den Ereignisraum.

Du kannst es nachrechnen. Die ganze Nacht. Die einsamen
Schritte. Die linearen Prozesse. Das zerknitterte Papier. Die Lade
jault auf. Dies ist eine Zuflucht. Ein Versuch.

Ihm oder vielmehr ihr zu nahe zu treten. Sie sehen nicht mehr
so scharf hin. Die Weiden am Bach. Ach. Mein zurückhaltender
Strich.

Dem die Doppelbilder entfernt wurden. Wenn es denn sein
muss. Wenn Du es hören willst. Wenn. In der dritten Generation.
Die windschiefe Scheune fällt.

Sie werfen Fluggegenstände vom Dach. Die Kinder. Spuren im
stillen Gebiet. Ein Gebet. Wie kommen die Schlingen in den
Bach. Tasten meine Hände.

Morgens beim Aufwachen gegen die Schatten. Kälte und Glück.
Das gezogene Los. Eines muss es ja besiegeln. Die Komposition
dauert an. Im Gebirge ginge ich verloren.

Wer ist der der das Schreiben macht. Die übersprungene Generation.
Einflüsterungen. Alles wird weich. Tauwetter. Der Sinn.
So sagte man dort vielleicht.




Die vergessenen Begriffe. Die unübersichtliche Barriere. Schweigen.
Schwingt. Ich würde so gern sein Wort benutzen. Es bildet
eine dicke Staubschicht.

Auf den zerbrochenen Stallfenstern. Ich mache mich klein im
Wind. Hinter den Scheiben das Meer. Graue Struktur. Total
chaotische Turbation. Ein grammatischer Rest. Eine Neige.

Wir reden über das Tote Meer. Seine Salzkonzentration in
Promille. Wir setzen den Tiefpunkt hier. Den Kara Bogas Gol.
Wir schütten Glaubersalz in den Tee.

Das gibt ein kaltes Fließen. Diese Stelle ist verdorben. Wir
schreiben morgens an einem langen Text. Die Beine erreichen
den Boden nicht mehr. Ich fühlte mich dort sehr zu Hause.

Verantwortlich. Der Tisch leerte sich. Das Bistro schließt. Ein
ausgetrockneter Salzsee ist meine Landebahn. Die Schollen
wölben sich an den Rändern. Rosa. Queller.

Und die Bilder sind überbelichtet. Im Bergwerk. Die Steigleitern.
Das ist die letzte Tageszeile. Fleckig verweht die Spur Schnee. Die
Raben gehen über den Teich.

Jede Figur muss etwas wollen. Aus jedem Bild wächst ein anderes.
Wir bleiben bei den Fakten. Bei den Übersetzungsprogrammen.
Dem Vorhof der Wörter.




Mit Scilla wahrscheinlich. Skylla. An der Straße. Als wir uns
unverhofft trafen. Ich strich diese Zeile aus. Denn wir hatten
uns verabredet.

Mit den Verspannungen in den Gliedmaßen. Germaine Richiers
Wesen. Das Äußerste tun in den Anweisungen des Gefundenen.
Blaue Kröten fallen vom Himmel. Wir verkaufen nichts.

Die Gespräche drehten sich um Existenz. Poetic justice. Bilder
die sich aus dem Fixierbad unseres Gesprächs entwickelten. Sie
stapeln sich zu unleserlichen Haufen.

Geballte Zonen der Dunkelheit wenn sich die Farben zu gut
mischten. Ich schreibe das jetzt auf. Märzgrau. Ein methodisches
Stochern im Tag. Ich müsste dir antworten.

Das Ende absehen. Den fremden Gedanken verwenden. Was
wird dann aus ihm. In mir. Er wird abgebaut. Verstoffwechselt.
Meine eigene Zeile. Gelöscht.

Auf welche Annahmen stützen wir uns. Beim Gehen. Ich schaue
nicht mehr zurück. Ich überlasse es. Dem Gespräch der Amseln.
Der zähen Feuchtigkeit unter den Fittichen.

So eine schöne Reise. Über das Schwarze Meer. Dorant und
Dosten. Seine Blumen bleiben. Zu sublimen Zwecken. Iasis.
Die Substanz ist unentdeckt. In den Abgründen der Sprüche.




Hier gehen Hirsche auf der Straße entlang. Die Kästen füllen
sich langsam. Mit Abraum. Die Halden dienen jetzt als Wegmarke.
Dort entlang. Ich fahre ans Meer.

Ich bin dazu abgestellt von den anderen. Manches ließe sich
nicht abbilden. Manches schon. Die Möbel sind mein Ideenvorrat
für die nächste Zeit. Daran muss ich denken.

Es ist schon alles da. Einiges wird ausgelagert auf die andere
Flussseite. Ich werde die Fähre nehmen. Der Wind blättert die
Seiten um. Und.

Die Interpunktion hatte mich über den Text gerettet. Ich gehe
von Turm zu Turm durch die vergessene Bürgerlichkeit der
Stadt. Ich winke jemandem Fremden zu.

Ich schäme mich ein paar Minuten lang. Irgendwie hatte ich
vergessen mich aufzuladen. Ich sitze am Tisch. Jemand geht
durch ein Weizenfeld. Die Handlungen werden diktiert.

Es hatte sehr lang gedauert bis ich dort stand. Ich hatte dieses
Viertel noch nicht erreicht. Der saure Geruch des Milchladens
wehte über die Bücher.

Ich vermeide zu viele Eindrücke. Aber wie mache ich das.
Vermeiden. Kosmologisch gesehen. Die Uhr geht nach. Eine
Seite lang geht sie nach.




Die fünf Mykologen auf der Welt die sich noch über auf Pilzen
schmarotzende Pilze unterhalten konnten. Flüssig. Und Ohren
auf. Sonst Kristallbildungen an den Gradierwänden.

Über Schwarzdorn. Über Wolkenbildern die haben ja Konjunktur.
Ein gesprühter Verlauf auf dem Buchschnitt. Ein Rest Farbe
an der Fingerkuppe. Das auch.

Das wirklich gute ist ich verstehe nie etwas. Warum auch. Die
Linien sind ja schon gezogen. Nach denen du peilst. Was danebenfällt.
Ist geschenkt.

Kompost oder einer sammelt es auf. Für das Präparat im Kästchen.
Ein Sammelkästchen. Eine einzelne Seegurke angeklebter
Tang. Bebt. Sinnfällig. Vor und zurück.

Schwer im Geschirr. Kommt. Der Fund in die Trommel. Das
Glas mit Oktopus. Hummer. Hunger. Windbeutelblase. Physa.
Das ist jetzt ausgestellt.

Wir hatten da ein Vokabellager auf der Hafeninsel. Verkauf nach
Gewicht. Reines Maßstück Metall. Maßstück Buche verschollen
bis auf weiteres.

Aber das kann aber das kann rekonstruiert werden. Ja kann
es. Noch. Geschehen denn Vereinsaustritte. Abtritt.
Hahnenirgendwasmuster.




Er machte dich ganz weich. Mich ohnmächtig. Die verlorene
Unterschrift auf dem Gedicht begann zu schmerzen. Vergessene
Narben schwollen an. Blau. Rot. Ich kann dich halten.

Nächtelang deinen Atem auslesen. Alle Versprechen sind nichtig
reagieren nicht auf den Tag. Jemand entzündete dein Licht im
Park damit ich von dir wissen konnte.

Wir ziehen in den Sommer ein. Bald. Mich überkommt ein
Versprechen das ich mir gab. Aufzugeben. Im Moment der größten
Ruhe. Im Januar. Mit Winterlingen in der Post.

Silhouetten tanzen gegen das farbige Licht. Ich muss blinzeln.
Immer noch. Dass es dich gibt tastet mein Arm. Gewissheit.
Viel mehr nicht. Grenzverschiebung. Seitendrift.

Die neusteten Theoreme des Zusammenlebens in den Nachrichten
von dir. So einfach als hätte ich schon immer gewusst.
Achtung dies ist uns wichtig. Wir werden es vergessen.

Nachts. Die Möwen können schon auf dem Eis stehen. Wir
werden uns verraten wenn ich nach den Möglichkeiten Ausschau
halte. Und.

Es ist als hätten sie sich verschworen die Dichterinnen. Den
Basalt zu sprengen. Wenn es ihre Biographie ist zu warten. Der
Text weiß nichts. Von mir. Er lebt. Wie deine Textur.


Silke Peters, Ich verstehe nichts vom Monsun
Erzählung

freiraum-verlag Greifswald 2012
ISBN 978-3-943672-06-0
110 Seiten
11,95 Euro
Erscheint am 1. September 2012.

Das Buch kann hier bestellt werden



Das komplette Interview mit Silke Peters erscheint in Nummer 8 unseres pdf-Magazines, das am 23. August kostenlos an unsere Abonnenten verschickt wird.
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- Autor -

Silke Peters

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