Veröffentlicht am 29 Februar 2016 10:49 - Sprachraum

Michael Kraske - Vorhofflimmern

Vorabdruck (Auszüge)

Sachsen und rechtsextreme Gewalt sind in den Nachrichten der letzten Wochen fast zu austauschbaren Begriffen geworden. Doch auch wenn die Landesregierungen seit Kurt Biedenkopf immer wieder gesagt haben, die Sachsen seien immun gegen rechtes Gedankengut, ist in den letzten Jahrzehnten rechtes Gedankengut immer weiter in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und rechte Schläger haben immer wieder versucht, die Deutungshoheit nicht nur in Sachsen zu erringen.
Michael Kraske - Vorhofflimmern

Wie sehr fürchten wir, was uns fremd ist? Und wie gut kennen wir diejenigen wirklich, die uns vertraut sind? Was passiert, wenn das Unerträgliche normal geworden ist – in Ostdeutschland, in der eigenen Familie, in der Liebe? Michael Kraske liefert mit seinem literarischen Debüt „Vorhofflimmern“ eine Nahaufnahme einer ostdeutschen Kleinstadt, gegenseitiger Entfremdung und enthemmter rechter Gewalt.


8.

Sie waren beide froh, der abendlichen Routine und den guten Vorsätzen, aus denen nichts wurde, entkommen zu können. Die Einladung von Uwe und Patricia kam gerade richtig. Der permanente Ausnahmezustand war nicht lebbar. Sie hatten zusammen gekocht, renoviert und Kerzen zehrend diverse Flaschen Wein geleert. Am Ende hatten sie doch wieder die Glotze angemacht und ihre Facebook-Freunde mit Infos versorgt. Ließ sich nicht vermeiden. Leo hatte versucht, sie zu diesem und jenem zu animieren, bevor auch er aufgegeben hatte.
Neben ihnen raschelte ein vergessenes Kornfeld. Andrea schmiegte sich in seinen Arm, was ihren Gang verlangsamte, aber sie hatten es nicht eilig. Die beiden Biobauern erwarteten sie am Tisch unter einem mächtigen Nussbaum. Zwei moderne Hippies in der Kulisse einer Werbung für Camembert. Sie umarmten sich wie gute Freunde, mit einer Vertrautheit, die es nicht gab, aber guttat. Tranken Wein und waren schnell lustig. Patricia zog die Beine unters Kinn. Eine dieser Frauen, die immer Mädchen bleiben. Sie erzählte von ihren wilden Jahren in einer Berliner Wagen-Siedlung. Leo konnte Anekdoten aus seiner Hamburger Anarcho-WG beisteuern. Sie hatten sofort einen Draht zueinander. Andrea schlug sich passabel, war neugierig und versuchte gar nicht erst, so zu tun, als habe sie Ähnliches zu bieten. Sie war sie selbst, Leo und Andrea die Gegensätze, die sich anziehen. Als Patricia fragte, was Leo in Hamburg gemacht habe, kam Andrea ihm zuvor und begann zu schwärmen. Von seiner Beobachtungsgabe und seinem Talent, das Wesen eines Menschen nicht nur erkennen, sondern auch sichtbar machen zu können. Egal, ob in einem afrikanischen Dorf oder in Berlin. Leo habe diesen Blick. Andrea sah ihn an. Die alte Euphorie, die nicht danach fragte, was ein Bild einbringt. Das rührte ihn. Ganz anders als in den Telefonaten mit ihrer Mutter, wo sie jahrelang jeden noch so kleinen Auftrag hochgejubelt hatte. Um die immer gleiche Frage zu entschärfen, ob der Leo denn genug zu tun habe.

Uwe war ein guter Zuhörer. Leo bemerkte, wie er immer wieder gezielte Dosen Ernsthaftigkeit in Richtung Andrea streute, sobald es ihm zu anekdotenhaft wurde. Er fragte nach ihrer Praxis, nach ihrer Entscheidung auszuwandern. Andrea um ehrliche Antworten bemüht. Zum ersten Mal sprach sie aus, wie sehr das hier von dem abwich, was sie für sich gesehen hatte. Nicht, dass es ihn überraschte. Aber sie hatte es nie gesagt, sooft sie auch diskutiert hatten. Das Wichtigste bleibt ungesagt, wenn man es zerredet.

Andrea gab nicht nur bereitwillig Auskunft, sie fragte genauso interessiert zurück. Warum Bio? Warum ausgerechnet hier? Nach ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu urteilen, gefiel ihr, was sie von Uwe zu hören bekam: In Liebbrehna seien die Menschen so gut und so schlecht wie überall. Er betrachte den Hof als eine Insel. Das Meer drumherum könne mörderisch sein oder friedlich. Gab nicht viele, denen sie solche Weisheiten durchgehen ließ. Sie hatten schon eine Weile um ein kleines Feuer gesessen, als Patricia vorschlug, schwimmen zu gehen. Zur Klotzsche sei es nicht weit. Sie sprang auf, ihre langen Haare hin und her werfend vor Euphorie. Andrea protestierte zaghaft, sie hatten keine Badesachen mit und überhaupt, aber Patricia holte schon Handtücher. Uwe sagte, hier könnten sie nun wirklich nackt schwimmen. Schließlich seien sie jetzt in der DDR. Kam selten vor, dass Andrea so spontan war. Leo erklärte es sich mit dem Lagerfeuer und Uwes langen Haaren, als sie ihren Widerstand aufgab und sich ein Handtuch nahm. Über eine nächtliche Wiese marschierten sie zur Klotzsche. Augenblicklich drang Nässe in die Schuhe. In einem kleinen Waldstück griff Andrea nach Leos Hand und ließ sich von ihm führen. Eine schweigsame, ehrfürchtige Prozession. Sie kamen an einer Kiesböschung raus, unter ihnen glitzerte der See im Mondschein, zu silbrig, um nicht echt zu sein. Sie machten sich an den Abstieg. Auf den letzten Metern streifte Patricia die Klamotten ab und ließ sie fallen, als wollte sie eine Spur zum Wasser legen. Zog sich mit einer Selbstverständlichkeit aus, die keine Scham kannte. Drehte sich tanzend um und feuerte sie an, schneller zu machen. Selten hatte Leo jemanden so unverschämt nackt gesehen. Andrea bemüht, auf dem Weg ins Wasser Brüste und Scham zu verdecken. Im hüfthohen Wasser begrüßten sie die Kälte mit spitzen Schreien, bevor sie sich eine Wasserschlacht lieferten, die jede Hemmung vertrieb. Andrea schwamm in Leos Arme, sie küssten sich, einer dieser Momente, in denen alles passte. Zu viert suchten sie den Himmel nach Sternbildern ab. Beim Großen Wagen waren sie sich nicht sicher. Die Kälte trieb sie zurück ans Ufer. Die Handtücher zu klein, um sich darin einzuwickeln. Patricia reichte Leo das Handtuch und machte keine Anstalten, ihre steifen kleinen Nippel vor ihm zu verbergen. Sie setzten sich nebeneinander und ließen sich trocknen. Andrea gönnte sich beim Abtrocknen einen Blick auf Uwes Schwanz. Das war in Ordnung, machte Leo sogar an. Sie blieben länger nackt, als sie mussten, saßen enger beieinander als nötig. Leos Atem ging schneller. Es fehlte nicht viel. Eine Hand auf einem Oberschenkel. Ein Blick, der sich nicht rechtzeitig löst. Andrea wie zufällig neben Uwe. Patricia neben Leo. Er sah es in den Augen der anderen. Auch in denen von Andrea. Jeder sah es. Jeder wartete, dass es passierte, aber es passierte nicht. Irgendwann war der Moment vorbei, die Gelegenheit verpasst, sie begannen, sich die Sachen über die noch feuchte Haut zu ziehen. Auf dem Rückweg fühlte sich ihr Händedruck an, als sei sie froh, das mit ihm erlebt zu haben. Und das andere nicht. Als sie am Hof ankamen, wollte Uwe noch mal Scheite aufs Feuer legen, aber Andrea drängte darauf, zu gehen, sie sei müde, es war spät. Sie gingen, dankbar und glücklich. Gerade als Liebbrehna sich zu einer Endlosschleife verengte, schien wieder alles möglich.

Sie waren bester Laune, als sie den Hof erreichten. Beinahe hätten sie Milan übersehen, als sie aufschlossen. Er kauerte neben der Tür, die Knie zum Kinn gezogen, das Gesicht in den Armen vergraben. Leo erschrak, als er ihn bemerkte. Milan hatte nicht nur den Schlüssel vergessen, da war noch was anderes. Andrea kniete sich vor ihn, sprach ihn an, um Fassung bemüht, aber ihre Stimme längst alarmiert. Milan hob den Kopf, leerer Blick ins Nichts. Sein Körper vibrierte, das Gesicht unter Strom. Sie fragten durcheinander, was denn los sei, aber Milan wie in Trance. Sie halfen ihm auf und führten ihn rein, setzten sich mit ihm aufs Sofa. Leo holte ein Glas Wasser, das Milan beim Versuch zu trinken verschüttete, so stark zitterte seine Hand. Sie fragten weiter, was passiert sei, kriegten keine Antwort, bis Milan plötzlich zu schreien begann. Unverständliches Zeug, mit schriller Stimme, die sich aus Wut, Zorn, Angst, Schmerz und Verzweiflung speiste, so kam es Leo vor. Ein Ausbruch wie irre. Verstört nahm er seinen Sohn in den Arm, bis er sich beruhigte und tonlos zu weinen begann. Sie waren hergezogen, um wieder die Kontrolle zu haben. Hatten alles wieder in den Griff gekriegt. Bis eben. Es riss ihnen den Boden unter den Füßen weg. Andrea konnte sich nicht länger beherrschen und begann, zu heulen, auch wenn sie sich bemühte, die Tränen zurück zu pressen, was ihr Gesicht in periodischen Krämpfen entstellte. Mehr als einzelne Satzfetzen konnten sie ihm nicht entlocken. Nach und nach reimten sie sich zusammen, was passiert war. Offenbar waren sie von einer Meute durch die Stadt gehetzt worden. Er und David. Die anderen hatten ihnen Schläge auf den Kopf verpasst. Andrea unterbrach ihn, tastete sich durch blutverklebte Haarbüschel zur Kopfhaut vor und schickte Leo los, ihren Arztkoffer holen. Mit routinierten Handgriffen versorgte sie Milans Wunde, was sie ablenkte und zu beruhigen schien. Danach lief sie zum Telefon. Milan blaffte, sie solle das sein lassen. Sie gerieten heftig aneinander. Leo hielt sie schließlich davon ab, die Polizei zu rufen. Es war mitten in der Nacht. Wen wollte sie jetzt schon erreichen?

„Milan, wer waren die anderen?“
Keine Antwort, stierer Blick.
„Milan, bitte sag mir, wer das war. Wer hat das gemacht?“
„Na, die Faschos, wer denn sonst?“
„Wen meinst du bitte mit den Faschos?“

Es ging eine Weile hin und her, bis Leo verstand, dass er mit Faschos wirklich Faschos meinte. Ganz wörtlich. Sie brachten Milan ins Bett. Andrea half ihm aus den Sachen, den Verband würde er einige Tage tragen müssen, aber er war nicht schwer verletzt. Sie blieb an seinem Bett sitzen, bis er eingeschlafen war. Leo schlich sich raus. Als sie zu ihm ins Wohnzimmer kam, hatte er ihnen Schnaps eingegossen, den Andrea stehen ließ. Sie fiel Leo um den Hals, umklammerte ihn, gierig nach Trost und Halt, die er so nötig brauchte wie sie. Er kämpfte, dann übermannte es auch ihn. Sie flennten, um ihren Sohn, um ihren jäh abgebrochenen Aufbruch. Sie waren hergekommen, um genau das zurückzulassen. Hatten nicht damit gerechnet, es könnte wieder losgehen. Waren völlig unvorbereitet. Andrea sammelte sich, fixierte seine Schultern, nahm ihn mit einem Blick ins Gebet, der keinen Widerspruch duldete.

„Du musst was unternehmen, Leo, verstehst du. Diesmal musst du was machen.“

31.

Kleine Tröpfchen traten aus, legten sich auf die Stirn, begannen den Hals runterzulaufen und kitzelten am Rücken bis zum Steiß, während Leo noch völlig trocken vor ihr saß. Andrea betrachtete die breiten Abstände zwischen den hellen Holzlatten, zu unregelmäßig für die akkurate Arbeit eines Handwerkers. Sie stellte sich vor, wie Leo gekämpft und geflucht hatte, wo ihn doch schon ein einfaches Billy-Regal aus der Fassung bringen konnte, aber er hatte es hinbekommen, völlig unbemerkt. Sie hatte das Projekt Sauna zu voreilig abgeschrieben. Die Überraschung war ihm gelungen. Andrea verrieb einen Schweißfilm auf ihren Brüsten, von denen Leo nach wie vor hingerissen war. Er konnte sich nicht sattsehen an ihrer schweren, hängenden Weiblichkeit, nach wie vor. Das war keine Selbstverständlichkeit, änderte aber nichts an ihrer eigenen Sicht. Seine Bewunderung war nicht genug, jedenfalls nicht immer. Ganz anders als zufällige Begehrlichkeiten, die sie streiften. Der ganz normale Verschleiß, hatte nichts zu sagen.

Leo selbst veränderte sich überhaupt nicht. Er war immer noch der Typ des langbeinigen Beachvolleyballers ohne Bauchansatz, der nach langen Nächten in runtergeschrebbelten Clubs aussah, mit vielen Zigaretten und wenig Essen. René hatte breitere Schultern, der Bizeps war gewölbter, kurz überlagerte seine Silhouette die von Leo. Sie vertrieb den unanständigen Vergleich wieder. An Leos Körper gab es nichts auszusetzen. Und mit seinem Jungen-Mund kriegte er sie immer noch. Es war immer sein Gesicht gewesen, die verwuschelten Haare, mehr als sein Körper. Ihr Leo. Irgendwas beschäftigte ihn, das merkte sie. Er sah sie unsicher an, als wüsste er nicht, wo er anfangen soll.

„Weißt du, wir müssen so nicht leben.“
„Wie leben?“
„Na so. Vielleicht willst du ja eigentlich was ganz anderes. Ich meine, du kannst mir das ruhig sagen, wenn sich da was bei dir verändert hat, Andrea. Vielleicht passiert das einfach mit der Zeit. Wahrscheinlich ist das einfach so.“

Sie mochte, dass er ihren Namen benutzte. Dass sie sich nie mit Kosenamen kleingemacht hatten. Nicht zum Kätzchen und Bärchen geschrumpft waren.

„Jetzt red nicht drumherum, Leo. Sag, was los ist.“
„Ich spreche von dem Deal, den wir haben. Ewige Treue, vielleicht führt das nur zu Geheimnissen und Heimlichkeiten. Am Ende macht dann doch jeder sein Ding hinter dem großen Versprechen.“
„Und was soll dieses große, dunkle Geheimnis sein, das ich so ganz allein mit mir ausmache? Komm, sag schon, was soll das sein?“
„Keine Ahnung. Sag du’s mir.“
„Möchtest du mir was sagen, Leo? Gibt es da jemanden? Ist es Patricia? Bei der hast du schwer Eindruck gemacht mit deiner Fotografen-Masche.“

Sie hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte. Den Spieß umzudrehen, war nur ein Reflex, kein ernsthafter Verdacht. Sie mischte Ironie unter, wollte ihn nur aufziehen. Wunderte sich mehr, als sie beargwöhnte, über was sie eigentlich sprachen.

„Blödsinn, wie kommst du denn auf Patricia? Schwachsinn. Es geht mir um was ganz anderes.“
Er brach sich einen ab, wand sich wie ein Junge, der was ausgefressen hatte oder sich schrecklich schämte, bis er endlich damit rausrückte.
„Lass es mich so sagen: Mir ist Ehrlichkeit wichtiger als Monogamie. Meine Güte, andere gehen in Swinger-Clubs, aber die teilen das miteinander. Die machen sich nichts vor. Ich will nur sagen, wir können drüber reden, wenn du was ändern möchtest bei uns.“
„Sag nicht, dass du mit mir in einen Swinger-Club gehen willst, Leo. Das glaub ich jetzt nicht.“

Ungläubiges Lachen. Sie ahnte, dass es ihm um was ganz anderes ging. Es drohte, grundsätzlich zu werden, worauf sie überhaupt keine Lust hatte. Ihr war danach, hier mit ihm zu sitzen. Schwitzen, schweigen, flirten, später vielleicht ein bisschen vögeln. Sie dachte an das endlose Palaver bei seinen Eltern. Über die Lage der großen Koalition, die katholische Kirche, den Stand der Solarbranche. Von so einem Wochenende bekam sie Kopfschmerzen, so, wie Leo bei ihren Eltern Beklemmungen kriegte. Wo er sich wie im Stummfilm vorkam, wie er sagte, nur weil nicht alles zerredet wurde, weil auch mal was stehen bleiben konnte, ohne geklärt zu sein oder ausdiskutiert.

Jedes Sonntagsessen, jedes Stimmengewirr, jedes ungesagte Wort hatte sich eingebrannt. Bei ihm und bei ihr. Ließ ihn bohren und sie schweigen. War keine böse Absicht, auch von Leo nicht. Er konnte nicht anders.

Sein Mund zog sich schmal, er wusste nicht weiter. Stützte sich resigniert auf den Oberschenkeln ab und studierte abwechselnd die Maserung des Holzbodens und seine Zehen. Sie war grob geworden. Wollte den schönen Abend unbedingt retten. Aber nicht um den Preis eines Beziehungsgesprächs über Offenheit und Heimlichkeit.

„Mein schöner Mann. Ich will dich nicht teilen. Weder im Swinger-Club noch sonst wo. Du gehörst mir.“

Er richtete sich sofort auf. Eine rührende Erektion, gegen die er machtlos war. Sie kniete sich vor ihn, als die Saunatür knarzend aufging. Leo kreuzte die Hände vor seinem Ständer, Andrea rollte in einer fließenden Bewegung zurück auf die Holzbalken, als habe sie sich nur umsetzen wollen. Milan war viel zu euphorisch, um sich was dabei zu denken. Er umarmte erst Andrea, dann Leo, mokierte sich mit gespieltem Ekel über ihren Schweiß und teilte ihnen mit, wie dankbar er sei, dass sie ihnen das Atelier überlassen hatten. Er gab Andrea einen Kuss auf die Wange und hörte gar nicht auf, sie zu drücken. Überwältigte sie mit seiner Zuneigung, die so selten geworden war. Sie hatte Friedemann angesprochen, ob die Zora-Kinder das Gemeindehaus als Treffpunkt nutzen könnten, bis die Sache mit dem Bauamt geklärt war. Hatte sich eine Abfuhr geholt. Als Pastor wolle er nicht Partei ergreifen, wie er sagte. Sogar Uwe hatte sie nach dessen leerstehender Scheune gefragt. Der hatte sich so lange gewunden, bis sie gesagt hatte, er solle es vergessen. Am Ende war nur ihr Atelier übrig geblieben. Unter der Bedingung, dass keine Drogen konsumiert werden, keine harten jedenfalls. Und wenn sie am nächsten Tag Kotze wegwischen müsste, wäre es das erste und letzte Mal gewesen. Milan hatte alles versprochen, jede Bedingung akzeptiert. Immerhin hatte sie sich mit dem gewährten Asyl etwas Liebe erschlichen.

Sobald Milan raus war, griff sie nach Leos Hand. Die Erregung war verdampft. Sie war glücklich, weil Milan glücklich war. Leo ging es genauso. Ihre Hände verfingen sich, sie grinsten sich in warmer Verbundenheit an. Andrea sagte, wie gern sie diese Jule mal kennenlernen würde. Ließ sich aber von Leo überzeugen, nichts zu überstürzen. Sicher hatte er Recht. Bloß nicht nerven, sonst würde Milan sich wieder zurückziehen. Er würde sie ihnen schon vorstellen, wenn es an der Zeit war.

Andrea stolz und traurig. Bittersüße Muttermelancholie. Eltern hängen immer einem Zustand nach, der gar nicht mehr existiert, klammern sich an das, was war, als wären ihre Kinder in Stein gemeißelt. Milan war längst weiter als in ihrer Vorstellung, erlebte, was sie ihm so gewünscht hatte, aber ganz weit weg schien. Leos Körper war jetzt eine glänzende, feuchte Fläche. Nett anzusehen. Sie verrieben sich gegenseitig den Schweiß wie Massageöl, fuhren mit festen Handgriffen über Schultern, Brüste, Bauch und Beine, schaukelten sich hoch, bis ihr die Hitze zu viel wurde. Ihr war nach gemeinsamer Nacktheit in kühler Nachtluft, sie zog Leo aus der Sauna. Ganz nackt war nicht drin, wegen Milan. Mit Handtüchern umwickelt gingen sie nach draußen und setzten sich auf die Bank unter dem Nussbaum. Kalter, würziger Spätsommer, sie schloss die Augen. Riss sie wieder auf und sah das Feuer. Am Eingang zum Hof ging ein Kreuz in Flammen auf. Sofort kamen die zugehörigen Bilder. Aus unzähligen Filmen. Südstaaten, Ku-Klux-Klan, weiße Kapuzen, schwarze Menschen, die mit einem Strick um den Hals von Bäumen baumeln. Sie hörte sich wimmern, hatte ihre Finger in Leos Schenkel gekrallt wie ein in die Enge getriebenes Tier. Leo stand ruckartig auf.

„Tu doch was“, raunte sie. Wusste selbst nicht, was er tun sollte.

Hinter den Flammen zeichneten sich die Schemen dunkler Gestalten ab. Die Kapuzen über ihren Köpfen waren schwarz, nicht weiß. Die rechten Arme gereckt, ansonsten völlig starr. Das Kreuz brannte in grausamer Schönheit. Ein orangeroter Schrei. Leo riss sie hoch und schob Andrea zurück zur Tür. Die Flucht verstärkte die Panik. Er selbst lief rüber zum Atelier. Erst jetzt fiel ihr Milan wieder ein. Sie schlug die Tür hinter sich zu, schloss ab, suchte hektisch nach dem Handy. Tisch, Fensterbank, nichts. Wühlen in Taschen. Schließlich fand sie es in der Jacke und versuchte mit zittrigen Fingern, die Nummer von Jörg im Speicher zu finden. Heulte jammrig auf, weil ihre Finger nicht gehorchten. Durchs Fenster zuckten bläuliche Blitze. Sie duckte sich, bis sie erkannte, dass gar keine Feuerwerkskörper flogen. Leo stand im Hof, völlig nackt, das Handtuch hatte er offenbar verloren. Über dem
Kopf hielt er seine Kamera und schoss in Richtung des Kreuzes, von dem nur noch der Querbalken brannte. Als sich Jörg endlich meldete, hörte sie sich mit hysterisch verzerrter Stimme konfuses Zeug stammeln. Schließlich schrie sie, er solle verdammt noch mal herkommen.

Jörg war erstaunlich schnell da. Er trug ausgelatschte Turnschuhe. Die Jogginghose passte nicht zur Jacke. Zumindest bei der Hose war Andrea nicht sicher, ob sie zu einem Schlafanzug gehörte. Andrea hatte sich was drüber gezogen, Leo sein Handtuch wiedergefunden. Milan und seine Freunde in einem Halbkreis dahinter. Sie standen um das verkohlte Holzkreuz, von dem schwarze Fetzen runterhingen und grauen Qualm absonderten. Beißender Benzingestank in der Nacht, verpestetes Idyll. Sie erzählten von den schwarzen Kapuzenträgern. Jörg beäugte das Kreuz von allen Seiten, als finde sich da ein Hinweis auf die Täter. Andrea hatte die Schockstarre überwunden. Die Angst hing noch in den Knochen, Wut kam dazu, bestialische Wut. Jörg suchte den Boden ab, trat mit dem Fuß gegen verkohlte Stofffetzen, ging wieder zum Kreuz. Endlich sah er sie an.

„Riesenschweinerei, keine Frage. Ist nur die Frage, was das denn hier nu ist. Strafrechtlich gesehen, meine ich. Brandstiftung kommt nicht infrage, ham ja kein Haus abgefackelt. Landfriedensbruch auch nicht, ist ja keine klassische Randale in dem Sinne. Eventuell kommt Hausfriedensbruch infrage. Wobei das hier natürlich nur die Einfahrt ist. Müssen wir uns mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.“

Nicht mal Leo begehrte auf. Brachte eh nichts. Jörg fragte nach den Fotos, die Leo gemacht hatte. Leo versprach, sie morgen aufs Revier zu bringen. Milan und seine Freunde lachten schon wieder. War entweder eine Übersprungshandlung oder sie waren schon so abgestumpft. Sie hatten sich daran gewöhnt, drangsaliert und gejagt zu werden. Sich verkriechen zu müssen, anstatt frei zu sein. Aber sie haderten nicht. Beneidenswerte Unempfindlichkeit, daneben kam sich Andrea wie eine hysterische Alte vor. Ein paar Provinz-Nazis führten ihr Schmierentheater auf und sie drehte vollkommen durch. Eine neue Wutwoge durchkroch sie wie ein hässlicher Wurm, der alles betäubte. So kannte sie sich nicht, so hilflos und klein. Gegen dieses Gefühl der Ohnmacht kamen ihr die Niedergeschlagenheiten aus der Hamburger Zeit wie unbedeutende Lappalien vor. Neben Milan stand ein Mädchen mit auberginefarbenen Haaren. Andrea hätte sich gewünscht, Jule unter anderen Umständen kennenzulernen. Sie hatte ein schönes Gesicht. Milan zog ihren Kopf sacht gegen seine Schulter, geradezu lässig machte er das, kein bisschen unbeholfen. Daneben David. Das Dreieck. Die ersten wollten sich auf den Heimweg machen. Andrea gab nicht eher Ruhe, bis Jörg und Leo sich bereit erklärten, Milans Freunde nach Hause zu fahren. Sie ging rein, setzte sich mit einem Glas Rotwein ins Wohnzimmer. Stand wieder auf und überprüfte, ob die Fenster geschlossen waren. Sie hatten es geschafft, das Haus mit Angst zu verseuchen. Wenn wenigstens Milan bei ihr geblieben wäre. Die Stille war schlimm. Sie fuhr mit dem Finger über das Smartphone. Namen und Nummern liefen vorbei. René war sicher noch wach.


 

 

- Autor -

Michael Kraske

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