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Veröffentlicht am 09 November 2014 15:08 - Feuilleton, Sprachraum

Prudenci Bertrana - Josafat.Oder: Unsere Liebe Frau von der Sünde

Prudenci Bertrana - Josafat.Oder: Unsere Liebe Frau von der Sünde

1. Kapitel.

In den Glockenturm Unserer Lieben Frau gelangt man über die Taufkapelle. Die mystische Dämmerung des gotischen Tempels wird hier zur Finsternis. Von dem Gemälde über dem Eingang, auf dem Johannes der Täufer aus einer Muschel Wasser über das edle Haupt Jesu gießt, ist nicht mehr zu erkennen als die verschwommenen Tupfer des weißen Inkarnats.


Das mächtige Taufbecken mit seinem beschlagenen Deckel, seinen kunstvoll getriebenen Reliefs und seinem eleganten Umriss verschwindet in dem undurchdringlichen Dunkel mit der eigentümlichen Witterung, die allein dem Weihwasser eignet.
In einem Winkel der Kapelle befindet sich ein Durchlass, der bei der Errichtung des Glockenturms, Jahrhunderte nach dem Bau des Gotteshauses, herausgemeißelt wurde, als eine Verbindung mit seinem Innern hergestellt werden musste.
Mit einem Gefühl der Beklemmung betritt man den schräg getriebenen, rechtwinkligen Stollen ohne jedes architektonische Element, das ihn vorbereitet, und ohne ein Gewölbe, das geeignet wäre, die Vorstellung des Einsturzes zu vertreiben, den die Fugen seiner Quader heraufbeschwören. Manchmal gewinnt man den Eindruck, das Mauerwerk wolle den Besucher einschüchtern; die Kälte des Steins lässt ihn erschauern, wenn er es durchquert, und niedergedrückt von der Ahnung der Riesenlast über ihm, die unter dem ungeheuren Druck des kühnen Schiffes zu knirschen und zu zerkrümeln scheint, schrumpft er ins Winzige. 
In den Tiefen dieses Tunnels müht sich das Auge vergebens. Es nützt ihm wenig, wenn es sich an die Dunkelheit gewöhnt hat; nichts ist zu sehen; einzig ein blasser Streifen durchsickernden Lichts verrät den Spalt einer Tür: Eine schwere, klobige Tür, die dem Druck der Hände, die sie unbeholfen und mühsam zu öffnen versuchen, störrischen Widerstand leistet. Hat sie einmal nachgegeben, führt sie auf einen schmalen länglichen Raum in Trapezform – befremdlich und rätselhaft. Tristes, trübes Sternenlicht fällt durch ein Kirchenfenster, das blind bis ganz oben ist, wo ein paar staubige Scheiben ein winziges Oberlicht verschließen.
Über der schwindelnd hohen Decke des Schachtes setzt schwarz und verrußt die halbe Tonne des Gewölbes an. Starke Seile durchbohren sie, und ihre parallel aufsteigenden Linien scheinen auf beunruhigende Weise die Decke noch weiter himmelwärts zu treiben. Grobe Mauerhaken, in die Fugen der Hausteine getrieben, halten die Taue, wenn sie aufgerollt sind, um den Weg nicht zu behindern. In einem Winkel wird das Gewölbe vom Gehäuse einer Treppe durchbrochen, in dem eine Schraube klobiger steinerner Stufen sich bis zum Gipfel des Glockenturms windet. Es wirkt wie ein zweiter Turm im Turm, ein finsterer Zylinder, der mit seinen schießschartenähnlichen, in regelmäßigem Abstand über die kahle Wand verstreuten Lichtschlitzen und seiner in mächtigen Angeln ruhenden, immer mit Schloss und Riegel verwahrten Tür bestimmt erscheint, ein schauerliches Geheimnis zu hüten.
Keine Regung, kein Laut des Lebens dringt durch diese lastenden Mauern; ein tiefes Schweigen waltet hier, wie es in den gestirnten Sphären herrschen muss: ein Schweigen, das Furcht erregt und verschüchtert.
Auch über den Gegenständen, die die Einrichtung dieses Gelasses bilden, liegt eine Art schicksalsschwerer Stille. Wie gelähmte, apathische Greise verharren sie an ihrem Platz, mit dem linkischen Auftritt nutzloser Dinge. Sie sind bescheiden und spärlich an Zahl. Ein schlichter eiserner Dreifuß trägt recht und schlecht ein Kohlenbecken. In der Asche, halb verschüttet, liegen der Tiegel des Weihrauchfasses und zwei oder drei Haken, um es hervorzuholen und mit Kohle zu befüllen. In der Nähe ein Schemel, der Sitzplatz des Glöckners, und dahinter, ein wenig weiter und an die Wand gerückt, ein erdfarben lackierter Holzschrank mit einem gelockerten Riegel und einem Gesims, das vom Holzwurm zerfressen ist. Ein Öllicht und eine Anzahl unförmiger, verstaubter Gegenstände leisten hier einer blechernen Ölkanne mit verbogener Tülle und verbeultem Henkel Gesellschaft.
Eine Kirchenbank mit hoher Lehne und einer geräumigen Sitztruhe stößt mit dem einen Ende an eine Reihe von Stufen, die dazu dienen, Anlauf zu nehmen, um die Glocken in Schwingung zu versetzen. Gegenüber dient ein vierschrötiger Eichenklotz dem gleichen Zweck. An der Wand hängt an gekreuzten Schnüren, die durch den girlandengeschmückten Rahmen eines Täfelchens gezogen sind, die Gallofa, ein liturgischer Kalender, der die täglich anfallenden Zeremonien verzeichnet. An dem gleichen Nagel, der die Gallofa trägt, ist ein von Grünspan überzogener Rosenkranz befestigt, und nicht weit davon hält ein zweiter Nagel einen zerrupften, mit schütteren Federn besetzten Staubwedel.
An der Tür zur Turmtreppe und an der zum Kirchenschiff prangen Palmkreuze, Sperberpfoten, eine Reihe frommer Verse und ein Blatt mit der Ordnung des Vierzig-Stunden-Gebetes.
Das ist die Ausstattung dieses sonderbaren Gelasses voller Trauer und Tod, wo kein Kind sich erkühnen würde herumzutollen oder wagte zu lachen. 
Hier treibt ein junger Mensch sein Wesen, hochgewachsen, mit krummem Rücken, spitzem Schädel, Raubvogelnase, verkniffenen Lippen, struppigem Haar und hellblauen Augen, durchsetzt von dunkleren Flecken, die ihnen das Aussehen und die Kälte getüpfelten Marmors verleihen. Meist kauert er vor dem Kohlenbecken oder liegt halb auf der Bank, die er mit seinem Körper glattgescheuert hat, der von Lethargie zerfressen, von Geheimnis umschauert und krank von Schweigen und Zwielicht ist. Sein Samtrock ist in der Farbe der Wand so ähnlich, dass es nicht leicht fällt, den Träger auf den ersten Blick zu entdecken; der Besucher, der eintritt, errät ihn an dem menschenscheuen, feindseligen Grunzen, das er von seinem Schemel entsendet, wo er, das Gesicht in die Hände vergraben, ununterbrochen zu grübeln scheint. Seine ganze Gestalt, selbst sein Gesicht, ist überzogen von der schwermütigen und unterwürfigen Patina, die alles in dieser düsteren Behausung, wo Weihrauch duftet und Lippen flüstern, Ton in Ton erscheinen lässt. Seine ganze Umgebung ist überzogen von einer Art Weinstein, einer Absonderung seiner derben Hände, die bis zu den Rahmen der Altarblätter und den goldbestickten Säumen der Messgewänder alles betatschen. Er hängt an allem, womit er in Berührung kommt, mit einer eifersüchtigen Liebe, die ihn zum Einsiedler macht. Nie wollte er einen Gehilfen. Er läutet sogar die Marienglocke allein, wozu bis dato zwei vonnöten waren, und allein schläft er auch am anderen Ende der Kirche in einer Kammer, die so einsam ist, so düster, so umzingelt von Galerien, Treppen und verschachtelter Leere, dass der Unerschrockenste dort keinen Schlaf finden würde. 
Dieser Mann hieß Josafat. Er war ein Bauer, der aus dem Herzen der Pyrenäen kam. Dem Kindesalter entwachsen, fühlte er die Berufung, sich dem Dienste Gottes zu weihen; und kurz entschlossen, ohne eine Menschenseele um Rat zu fragen, stahl er sich eines Morgens aus dem Elternhaus und kreuzte im Seminar auf, ohne in Betracht zu ziehen, dass er weder des Lesens noch des Schreibens mächtig war. Diese Einfalt trug ihm Berühmtheit ein: Lehrer und Studenten erzählten sich seine Geschichte und machten sich über ihn lustig. Aber Josafat erwies sich als störrisch und aufbrausend; er war entschieden, Lesen und Schreiben zu erlernen und zeigte denen, die über ihn lachten, eine finstere Miene. 
Da er vom Dorf nichts weiter als ein Bündel Wäsche, eine Hirtenflöte und einen Eschenstock mitgebracht hatte, fristete er unterdes wie durch ein Wunder sein Leben. Er übernahm allerlei kleine Besorgungen: In den Kirchen heftete er fromme Anzeigen an; er trug Quittungen katholischer Vereine aus, Einladungskärtchen zu Trauergottesdiensten und Begräbnissen, zu Predigten und Novenen und diente gewissenhaft den Geistlichen, die ihn, verwundert über diesen glühenden Eifer, unterstützten so gut sie vermochten.
Eines Tages jedoch besaß Josafat so viel Einsicht zu begreifen, dass er es niemals zum Priester bringen würde, und da ihm nun einmal versagt war, die Messe zu lesen, lernte er, ihr zu dienen. Er zeigte sich darin so demütig, so beflissen und so auf die Ehre Gottes und der Kirche bedacht, dass er bei allen beliebt war, die mit ihm zu tun hatten. Die älteren Geistlichen hielten große Stücke auf ihn, und die jungen würdigten ihn ihrer Unterhaltung und klopften ihm unter Scherzworten wohlwollend den Rücken. 
Der Glöckner wusste nicht recht, wie er auf solche Beweise von Zuneigung antworten sollte. 
Josafat war ein ganzer Kerl, kein Laster hatte seine Natur geschwächt; fast ein Meter neunzig groß, hatte er derbe Fäuste und Schultern, die strotzten vor wilder Kraft. Als das Einzige, worüber er verfügte, stellte er sie in den Dienst seiner Gönner, die ihm dafür dankbar zu sein und sein Lob zu singen wussten. Ach! In dem gegenwärtigen Säkulum, wo die Verspottung der Kirche sich derartig breitmacht, war Josafat einfach ein Juwel. Mit dankbarem Gelächter erzählte man sich von seinen Taten, man pries seine Stärke und seine Siege. Doch eines Tages ging er zu weit. Er begleitete eine Hostienprozession, mit gesenktem Haupt, wie es seine Art war; in der einen Hand schwenkte er das Glöckchen, in der andern hielt er die Laterne; die Leute bezeugten ihre Ehrfurcht, und diese Achtung erfüllte ihn mit einem Stolz, als hätte sie im Grunde ihm selbst gegolten. 
Einzig ein Passant in blauer Bluse ging seines Weges, ohne die Wollmütze, die er trug, auch nur zu lüften. Josafat fasste ihn ins Auge. Sein Blick hatte etwas Unheilverheißendes, und wenn die Wut ihn befiel, zerriss ein Nervenkrampf seinen Mund. Indem er wieder einmal diese furchterregende Grimasse sehen ließ, trat er auf den Respektlosen zu und deutete mit herrischer Gebärde auf dessen Kopfbedeckung. Der Respektlose zeigte sich unbeeindruckt und erklärte in gelassenem Ton und mit ausländischem Akzent, er entblöße das Haupt allein vor seinem Vorgesetzten und dem ehrwürdigen Wahrzeichen der Republik, und als Josafat den Arm ausstreckte, um ihm die Mütze herunterzureißen, verbat er sich das kurzerhand. Es war schauderhaft. Gegen eine Tür gedrängt, setzte der Mann sich kurze Zeit zur Wehr, aber plötzlich war der erstickte Ton des Glöckchens zu hören, und ein Blutstrahl sprang aus dem aufgeplatzten Schädel des Fremden. Josafat, nach Atem ringend, fiel zusammen mit dem Bezwungenen zu Boden, und über ihn gehockt, drosch er mit rasender Wut und der Treffsicherheit eines geübten Schmiedes weiter auf die Wunde ein. O glaubensloses Gezücht, Auswurf der Hölle!
Diese Ausschreitung versetzte seine Gönner in Unruhe. Es war in der Ordnung, wenn er die Galane der frommen jungen Fräulein aus dem Tempel wies; es war in der Ordnung, wenn er bei religiösen Kundgebungen dreiste Spötter allein durch seinen finsteren Blick verscheuchte; es war in der Ordnung, wenn er Frechlinge verhielt, ihr Haupt zu entblößen. Aber die tierische Wildheit, die Brutalität, die Gefühlslosigkeit, die er an den Tag gelegt hatte, so verzeihlich sie bei einem Mann wie ihm sein mochten, zog man die Kraft des Glaubens in Betracht, die sie zu erkennen gaben, waren geeignet, einen Konflikt heraufzubeschwören: Reibereien mit der Justiz, Skandale, wie sie der liberalen Presse immer willkommen sind. 
Man hielt es für klug, sich schützend vor ihn zu stellen, und verwendete sich um die Stelle eines Glöckners für ihn. Die Gelegenheit konnte nicht günstiger sein. Von den beiden Glöcknern der Kathedrale Unserer Lieben Frau war der eine wunderlich geworden: Er wollte neue Arten zu läuten einführen, durch die er das Wesen des Heiligen, dessen Fest begangen wurde, die Farbe der Kasel, die der Priester anzulegen hatte, und noch mancherlei anderes zum Ausdruck bringen wollte, worauf noch niemand gekommen war. Sein Kollege musste das Gewicht seiner Jahre in die Waagschale werfen, und der Reformator entsagte seinem Posten, in seiner Selbstliebe getroffen und überzeugt, es sei nichts weiter als der Neid, der das künstlerische Genie zu jeder Zeit verfolge. Josafat nahm den Platz des Abgetretenen ein. Im Glockenturm traf er auf einen alten Herrn von sanftem und gütigem Wesen, der ihn in die Handhabung des Geläutes einwies, ihn Hostien backen lehrte und ihn über alle Verpflichtungen seines Amtes orientierte. Seine Bejahrtheit ließ den guten Alten recht bald überflüssig werden, und Josafat gewöhnte sich daran, den Dienst allein zu versehen. Dann starb der Betagte, und der neue Glöckner, schroff und verschlossen, zog vor, allein zu leben und für zwei zu schaffen, statt sich mit einem andern in die Herrschaft über die Räume zu teilen, die seinem düsteren Wesen so sehr entsprachen. Da Josafat die Arbeit von zweien verrichtete und dies eine Ersparnis bedeutete, gab es in dieser Sache keine Schwierigkeiten. 
Seit damals hauste Josafat hier wie ein Tier im Käfig; er verließ den Turm so selten wie möglich. Seine geistlichen Freunde pflegten ihm Besuche abzustatten, auf denen sie ihm seine Taten ins Gedächtnis riefen und ihn mit Späßen und Gelächter bei Laune hielten.
Schließlich gelangte er zu dem Glauben, er sei eine unersetzliche, gefährliche und zu großen Dingen berufene Person und man halte ihn für eine passende Gelegenheit bereit. Er wartete geduldig, in der Gewissheit, er werde eines Tages die Aufmerksamkeiten vergelten können, die ihm bezeugt wurden, und nach bestem Willen und Vermögen seinem Herrgott und seinen wundersamen Beschützern dienen, die ihn als Glöckner eingestellt hatten und die ihn noch immer hätschelten wie ein eigenwilliges Kind, um das man sich Sorgen macht.
Josafat läutete nicht nur die Glocken, sondern hielt auch die Kirche schmuck und sauber. Je häufiger er mit dem Staubwedel über die Bilder fuhr, desto mehr verlor er im Lauf der Jahre die Ehrfurcht vor ihnen. Indes bewahrte er sich große Furcht vor den Qualen der Hölle und enormen Respekt vor dem strengen, herrscherlichen Bartwuchs Gottvaters.
Besonders beunruhigte ihn die bohrende Unbeweglichkeit des göttlichen Auges, das er als Kind in einem flammenden Dreieck auf irgendeinem Druck gesehen hatte.
Nur zwei Leidenschaften machten ihm zu schaffen: Der Jähzorn und die Wollust. Was den Jähzorn betraf, so hatte er Wege gefunden, ihn Gottes Ruhm und Ehre dienstbar zu machen; was aber die Wollust betraf, so hatte er mit ihr zu kämpfen. Um weder sein Gewissen zu belasten noch seinen Phantasien Einhalt zu gebieten, stellte er lange und profunde Betrachtungen über das sechste Gebot an. Auf Erden gab es ein Geschlecht von Frauen, mit denen es erlaubt war zu sündigen, ohne den Zorn des Himmels auf sich zu ziehen; es waren verworfene Geschöpfe, die allein die Last des Frevels und der Strafe trugen, Adressen statthafter Aussetzung des enthaltsamen Wandels, mit denen Gottvater nicht eben zu verherrlichen war, doch auch nicht übermäßig zu brüskieren. Das Vergnügen war nicht weit von ihm erhältlich, unten, dicht beim Glockenturm, in ein paar ärmlichen Häusern mit eingefallenen Dächern. Vor allem im Sommer, wenn in den Mittagsstunden der Mann in ihm Recht und Anspruch geltend machte, postierte sich Josafat ins Fenster seiner Stube, einer Art Scharte im Mauerwerk des Turms, und lag dort stundenlang auf dem Anstand. Über den Abgrund gebeugt, gelang ihm zuweilen, von weitem, in großer Entfernung, eine winzige, leichtbekleidete Gestalt zu erspähen, die einen Augenblick auf einer Terrasse erschien oder durch einen Dachboden schritt. Manchmal erahnte er im Rahmen eines Fensters hinter bunten Gardinen ein Paar nackter Arme, gelöstes Haar oder vages Geflatter von weißen Dessous, das ihn mit lüsterner Neugier erfüllte. 
Auch nachts bezog er hier mitunter seinen Ausguck; dann erhellten sich die verdächtigen Kammern, undeutliche Schatten bewegten sich hinter den herabgelassenen Vorhängen; und von diesem Basar der Unzucht drangen bis zu ihm herauf Gelärm und Gesang, die heiseren Noten eines mechanischen Klaviers, vermengt mit bacchantischem Kreischen. In solchen Momenten reute ihn seine Keuschheit. Später, im Traum, erstand ein Bild aus seiner Jugend vor ihm: eine ins Gras gelagerte Hirtin, die mit einem Hündchen spielte und ihre weiße, verlockende Haut sehen ließ. Und diese Hirtin war aus ihrem Dorf in die Stadt gekommen; er hielt sie verborgen in den labyrinthischen Finsternissen seines Reiches; bebend vor Ungeduld, suchte er sie in Galerien und Kellergewölben, in Winkeln voller Schutt und Gerümpel, in endlosen Treppenhäusern, und wenn er sie erblickte, wenn sie die Arme öffnete und sich schamlos ihm anbot, trat eine unabsehbare Prozession von Geistlichen in Messgewändern zwischen sie beide, angeführt vom Herrn Bischof. Der Herr Bischof versetzte ihm Schläge mit seinem Krummstab und jagte ihn mit Schimpf und Schande aus dem Tempel, und die andern schalten ihn einen Heuchler und Verräter, einen unreinen, verdorbenen Menschen und spien vor ihm aus, während draußen eine Menschenmenge auf ihn wartete, um ihn unter dem Absingen der Marseillaise zu vierteilen. O nein! Auf gar keinen Fall! Der Skandal, der Abscheu der guten Priester, die Strenge des Pfarrers, das Ende seines friedsamen Daseins, der in Frage gestellte Broterwerb, all das verspielt für den Kuss eines liederlichen Frauenzimmers! So dachte er, wenn er aus seinen Versuchungen erwachte.
Des ungeachtet gab es Tage, wo er ernsthaft erwog, diesem Leben der Keuschheit, das ihn so quälte, ein Ende zu setzen. Zwei Wege standen ihm offen. Der eine war, seinen Bauerngeiz und seine knabenhafte Scheu zu überwinden, an die Pforte des Lasters zu pochen und seiner Begierde zu willfahren; der andere war, in den Stand der Ehe zu treten, wie Gottes Gebot uns heißt. Und aus der entferntesten Tiefe seiner Vergangenheit stieg die Sehnsucht nach seiner Heimat in ihm auf. Wieder erschien die Hirtin seines Traums, reizte ihn mit der Biegsamkeit ihres erblühten Leibes, lief mit begehrlich geröteten Wangen durch die Wiesen und lockte ihn mit schamlosen Blicken in die Bergeinsamkeit. Josafat empfand Bedauern; es reute ihn, diese Mädchenknospe nicht gepflückt zu haben, und in seinen Ohren gellte mit infernalischem Kreischen das spöttische Gelächter der Verschmähten, das ihn noch immer mit Beschämung erfüllte. Geschähe es doch jetzt!
Die Sehnsucht nach Liebe ließ Josafats Bauernseele poetisch werden. Er holte seine Flöte hervor, setzte sich in seinen Ausguck, dass ihm die Beine in den Abgrund hingen, und sann den Weisen seiner Heimat nach. Und unter den hitzeflimmernden Dächern, in der Betäubung des Mittags, lauschten die zuchtlosen Frauen, verschlafen und benommen von ihren nächtlichen Bacchanalien, dem kunstlosen Geträller einer Flöte, das den launischen Übermut eines Bauernmädchens malte. Josafat hatte Faunenblut in den Adern; wie der Gott Pan blies er, in eine verschwundene Nymphe verliebt, melancholisch die Flöte.

 

 

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