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Veröffentlicht am 29 Januar 2013 12:52 - Verschwörungen, Bücher

Kleiner Dreher

Neal Stephenson - Error

Kleiner Dreher

Ein kleiner chinesischer Hacker will Spieler eines Online-Rollenspieles abzocken. Dafür programmiert er einen unscheinbaren Virus. Doch „Error“ entwickelt sich ausgehend von diesem kleinen Ereignis zu einem immer rasanter werdenden Thriller über Terror, Geheimdienste und das Überleben des Einzelnen in einer Welt, die sich nicht an die großartig ausgedachten Pläne hält.


Es beginnt mit einer Szene, die angesichts der letzten Amokläufe gespenstisch wirkt, für amerikanische Verhältnisse aber eigentlich vollkommen alltäglich ist. Die Familie trifft sich zu Thanksgiving. Und bevor das große Essen beginnt, schießen alle mit ihren jeweiligen Pistolen,und Gewehren im Gelände herum. Der bei Familienfeiern übliche Streit wird so verhindert und der Lärm überdeckt die Spannungen. Eine normale amerikanische Familie? Sicherlich nicht. Denn Richard Forthrast, der reiche Onkel, hat mit einem Online-Spiel ein Millionen-Unternehmen geschaffen. Sein Geld allerdings hatte er früher als Drogenschmuggler verdient. Und auch der Rest der Sippe ist mehr oder weniger ungewöhnlich.

Gern bezeichnet man den amerikanischen Erzähler Neal Stephenson als Universalgelehrten. Manche bevorzugen auch das ungleich gehemnisvollere Substantiv Visionär, um ihn zu charakterisieren. Wenn Romane von Stephenson etwas ausgezeichnet hat von seinen Anfängen im Cyberpunk bis heute, dann ist es die unwahrscheinliche Fülle an Fakten, die selbst komplexe Fragen wie etwa die Herkunft von Phänomenen wie der Zungenrede in den Weltreligionen („Snow Crash“), die Herkunft und Grundlegung des neuzeitlichen Geldsystems (Barock-Trilogie) oder das Problem sicherer Codesysteme („Cryptonomicon“) werden bei ihm in spannende und unterhaltsame Geschichten verpackt, die in den letzten Jahren selten unter tausend Seiten auskamen, aber doch niemals langweilig wurden.

Ob man ihm ob seiner düsteren Zukunftsschilderungen in „Snow Crash“ oder „Diamond Age“ als Visionär bezeichnen sollte, bleibt jedem selbst überlassen. Auf jeden Fall hat Stephenson schon zu Beginn des Internetzeitalters einige der Ideen die später als letzter Schrei galten und heute verkümmern erfunden und mit Begriffen versehen, die bis heute anerkannt sind. Und dass die heutigen Gesellschaften in Ost und West, in Asien ebenso wie im Vorderen Orient zu zerbrechen drohen, dass wird jeden Tag neu ansehbar an den abendlichen Nachrichten. Die bisherigen Modelle des gesellschaftlichen Ausgleichs funktionieren nicht mehr im Zeitalter der Globalisierung. Und so ist der Weg der Selbsthilfe in den Grauzonen für viele die einzige Möglichkeit zu überleben.

Mit „Goldmining“ etwa, dem Trainieren von Computerfiguren in Online-Spielen und dem Herstellen von dort gebrauchten Waffen, verdienen Jugendliche vor allen in Asien schon heute Geld. Wie groß dieser Bereich der Wirtschaft ist, dazu gibt es kaum seriöse Studien. Schätzungen gehen von dreistelligen Millionenbeträgen jedes Jahr aus. Irgendwann sollen sogar chinesische Strafgefangene von ihren Wärtern gezwungen worden sein, für „Wold of Warcraft“ als „Goldminer“ zu arbeiten.

Hier löst der harmlose Virus eine Kettenreaktion aus. REAMDE verschlüsselt die Festplatten der befallenen Rechner. Und nur gegen Cash in virtueller Spielwährung will der Hacker die Datein freigeben. Doch was gut geplant war, führt in der Spielwelt zu einem unkontrollierten Krieg um das haufenweise auftauchende Gold.

Stephenson ist nicht der erste, der daraus den Stoff eines Romanes macht. Dieser Ruhm gebührt Cory Doctorow und seinem Buch „For The Win“. Aber wo Doctorow voller Pathos agiert, merkt man bei Stephenson die Meisterschaft des Erzählers: Jede der zahlreichen Figuren des Romans wird genau charakterisiert, so dass ihre Motive niemals platt daherkommen. Nicht nur der Hacker oder der Software-Fabrikant, auch dämliche russische Finanzverwalter, die die Altersvorsorge russischer Mafiosi verzocken scheinen plausibel wie diverse Geheimdienst-Chargen oder die dummerweise im falschen Haus wohnenenden Dschihadisten, die ihren Anschlag in China nicht machen können und dafür am liebsten Las Vegas sprengen würden. Am Ende gibt es auch in der realen Welt einen Krieg. Nicht zwischen Nationalstaaten sondern den verschiedensten Gruppen von Menschen, die durch den Virus in die Geschichte hineingezogen wurden.

Man könnte „Error“ getrost als Action-Thriller bezeichnen. Doch den eigentlichen Reiz machen die die Handlung eigentlich bremsenden Nebengedanken aus, den Hintergrundgeschichten der Protagonisten und der bis ins Detail festgelegten Story hinter dem Spiel T‘Rain, das anders als seine Konkurrenten damit prahlt, eine „echte“ Welt nachzubilden und nicht nur eine platte Spieloberfläche zu bieten.
Stephenson erklärt nicht in seinem Buch, er erzählt: Vom Aufbau von Computerspielen ebenso wie vom Funktionieren internationaler Flugrouten im Zeitalter des Terrorismus, von Geldbewegungen im digitalen Netz und der Finanzwirtschaft innerhalb der organisierten Kriminalität. Und das ist in Kombination mit den wundervoll ambivalenten Charakteren seines Romans der Hauptgrund, sich durch die mehr als 1000 Seiten zu wälzen. „Error“ mag nicht das Zeug zum Klassiker zu werden, wie das „Snow Crash“ oder „Cryptonomicon“ in bestimmten Kreisen schon sind. Aber es ist als Thriller um vieles intelligenter und unterhaltsamer als ein Großteil der Romane, die zur Zeit auf dem Markt sind. Denn eines ist Stephenson auf jeden Fall: einer der besten Erzähler nicht nur der amerikanischen Literatur.


 

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